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Wir wollen nicht unsere Eltern wählen

Wir wollen nicht unsere Eltern wählen

Unsere Eltern hatten damals, in der einbetonierten Bonner Republik, als Lebensläufe noch vorgezeichnet schienen und sich alle ordentlich langweilten, eine gewisse Lust am Chaos. Sie wollten bürgerliche Lebensentwürfe in ihre Einzelteile zerlegen, weil schließlich sonst nichts los war. Chaos war für sie die Antithese zum Leben ihrer Eltern, zu den Zuständen in der allzu braven, allzu spießigen, allzu bewegungslosen Bundesrepublik.Für uns hingegen ist vielleicht nicht unbedingt Chaos, aber doch ständige Veränderung der Normalzustand. Im Privaten: Jobwechsel, Stadtwechsel, Beziehungswechsel.

(…)

Es gab in den vergangenen Jahren, in unserer Kindheit oder Jugend, einen Bruch, der bedenklich ist. Jahrzehntelang galt in der Erziehung das Credo: Kind, du sollst es einmal besser haben als wir. Das ist heute nicht mehr so einfach einzulösen, obwohl paradoxerweise wohl keine Generation vor uns so viel Förderung und Aufmerksamkeit erfahren hat wie wir. Doch die Rahmenbedingungen haben sich geändert, so dass wir nicht mehr damit rechnen, dass es automatisch immer nur bergauf geht. Der Glaube an das ewige Wachstum ist verloren. Wir wären schon froh, wenn es uns und unseren Kindern nicht wesentlich schlechter ginge als jetzt.

Hier ist eine Kluft entstanden, die zwar nichts mit der Vehemenz früherer Generationenkonflikte gemein hat, die aber dennoch da ist: Wir beneiden manchmal unsere Eltern darum, dass sie in einer einfachen Welt aufgewachsen sind. Mit Wohlstand, Vollbeschäftigung, klaren Berufsbildern, stringenten Lebensläufen. Und wir ärgern uns, dass die Älteren sich so wenig in unsere Situation einfühlen können. Dass sie uns zum Beispiel vorwerfen, Verantwortung zu scheuen – weil wir immer später und immer weniger Kinder bekommen. Dass sie auch nicht verstehen können, warum wir mit 30 immer noch keine unbefristete Vollzeitstelle haben.

Gleichzeitig fühlen wir uns den Alten in typischer jugendlicher Arroganz überlegen: Was wissen die schon davon, wie die Welt heute funktioniert?Der Generationenkonflikt ist also da. Er ist nur – wie die Welt – ein wenig komplexer als früher. Ein klares Feindbild fehlt. Wir ringen mehr mit uns selbst als mit den Alten. Und dieses Ringen war bisher für die Alten weitgehend unsichtbar.

Denn es sieht doch so aus: Die 68er haben ihren Protest auf die Straße getragen, wo ihre eigenen Eltern ihn sehen konnten. Heute sind die Jungen im Netz – wo die Alten sich nicht auskennen. Die Piraten haben das Netz nun reingeholt in den Politikbetrieb. Und damit auch diejenigen von uns, die wir keine Piraten sind, aber trotzdem mitmachen wollen. Alles, was daraus folgt, ist ein Generationenkonflikt, wie Ihr ihn nur zu gut kennen müsstet: Die Alten meckern, wissen alles besser, prophezeien ein Scheitern. Die Jungen experimentieren, scheitern wirklich, machen trotzdem weiter und verändern am Schluss vielleicht nur ein bisschen was, nicht alles. Aber auf dieses bisschen kommt es an.

Aus: “Wir wollen nicht unsere Eltern wählen – Warum Politik heute anders funktioniert” von Hannah Beitzer, erschienen im Rowohlt Verlag, Juni 2013, erhältlich zum Beispiel hier.