Das Jahr der großen Wut

Das Jahr der großen Wut

Wir sind das Volk und werden verarscht: Pegida, Hogesa und Teile der AfD-Basis eint die unbändige Wut auf “die Politiker” und “die Mainstreammedien”. Ein Gefühl, das es nicht nur an den Rändern der Gesellschaft gibt. Woher kommt diese Wut? Und was bedeutet sie für die Arbeit von Journalisten und Journalistinnen?

Das Jahr 2014 in Deutschland: Die AfD gewinnt in Landtagswahlen in Ostdeutschland bis zu zwölf Prozent. In ihrer Wahlkampagne thematisiert sie Asylmissbrauch und Grenzkriminalität. In Köln protestieren gewaltbereite Hooligans gemeinsam mit Neonazis gegen Salafismus. Es kommt zu Ausschreitungen. In Dresden gehen 15 000 Menschen gegen eine angebliche Islamisierung des Abendlandes auf die Straße. Sie folgen einem vorbestraften Mann, der sich über angeblich verwöhnte Asylbewerber erregt.

Auf sogenannten Montagsmahnwachen und den Demonstrationen zum “Friedenswinter” versammeln sich in deutschen Städten antisemitische VerschwörungstheoretikerMitglieder der Linkspartei, und alte Friedensbewegte.

Was Teile der AfD-Basis mit den gewaltbereiten Hooligans, den fremdenfeindlichen Pegida-Spaziergängern und den Verschwörungstheoretikern der Montagsmahnwachen gemeinsam haben, ist Wut. Eine Wut, die sich gegen die etablierten Parteien, “die Politiker” und die “Mainstreammedien” richtet: Wir sind das Volk und werden verarscht, von der Lügenpresse, der alternativlosen Kanzlerin Merkel, gesteuert vom großen Bruder Amerika. Und so ist dieser Artikel der Rückblick auf eine Debatte, in der Berichterstatter und Berichterstatterinnen einmal nicht als Beobachter am Rand stehen, sondern selbst betroffen sind.

Die Wut gibt es nicht nur am Rand

Dieses Gefühl der Wut hat längst schon Teile der Gesellschaft erfasst, die sich nie gemeinsam mit Neonazis auf die Straße stellen würden. Die Wut gibt es nicht nur an den vom intellektuellen Diskurs abgekoppelten Rändern der Gesellschaft, wo immer die genau sein mögen. Journalisten und Journalistinnen zum Beispiel sind mit ihr heute dort konfrontiert, wo sie damit überhaupt nicht rechnen.

Da ist zum Beispiel der Schulfreund mit Einser-Abitur, der begeistert Videos des Kreml-Senders Russia Today auf Facebook postet: “Endlich mal eine andere Sicht auf die Dinge.” Da sind die Freunde der Eltern – Hochschulprofessoren, pensionierte Lehrer – , die von einem Propagandafeldzug von Regierung und Medien gegen Russland sprechen. Da ist der neue Freund der Studienfreundin, der einem “alternative Online-Medien” zur großen US-amerikanischen Finanzkapitalverschwörung ans Herz legt. Da sind die Bekannten, die sagen, sie könnten den Frust der Pegida-Demonstranten schon verstehen.

Alles keine tumben Nazis, keine geistig verwirrten Aluhut-Träger. Sondern Leute, mit denen man normalerweise friedlich bei einem Glas Wein über die Vorzüge von Bio-Supermärkten und die Schwierigkeiten bei der Kitaplatz-Suche plaudern würde. Und all diese Menschen haben das Gefühl, dass es in Deutschland eine selbstherrliche Elite gibt – bestehend aus Politikern und großen Medien -, die sich um Meinung und Interessen des Volkes nicht schert. Umfragen bestätigen den Eindruck, dass die Wut bis weit in die Mitte der Gesellschaft reicht.

Die Bindungskraft etablierter Organisationen sinkt

In der Tat ist in Deutschland in den vergangenen Jahren einiges verrutscht. Politiker und Massenmedien nahmen auch früher im politischen Diskurs einen wichtigen Platz ein. Aber es gab eben auch noch zahllose Organisationen, die den ganz normalen Bürger ins gesellschaftspolitische System einzubinden suchten: Parteien, die neben den Berufspolitikern ja auch noch eine Basis haben, die sich beteiligt. Gewerkschaften, die in ihrem Selbstverständnis für weit mehr zuständig sind als die Aushandlung von Tarifverträgen. Kirchen, die für sich in Anspruch nehmen, in politischen Fragen ein Gegengewicht zum weltlichen Politikbetrieb zu bieten.

Die Organisationen sind zwar immer noch da und versuchen das mit dem Einbinden. Doch ihre Bindungskraft nimmt seit Jahren ab. Die Mitgliederzahlen der Parteien sinken, die Kirche ist aus diversen Gründen längst nicht mehr die erste moralische Instanz. Die Gewerkschaften klagen besonders über einen Mangel an jungen Leuten, wenngleich sie ihren Mitgliederschwund zuletzt stoppen konnten.

Zwar sind die Menschen heute auch nicht weniger politisch interessiert als früher. Doch ihr Engagement äußert sich anders, punktueller, themenbezogener. Das kontinuierliche Engagement in einer Organisation, von der Wiege bis zur Bahre, wird immer seltener, sagen Parteien- und Protestforscher. Also Bürgerinitiative statt Partei.

Außerhalb des Systems

Gründe dafür gibt es viele. So wird insbesondere den Parteien vorgeworfen, inhaltlich austauschbar geworden zu sein. Umgekehrt tun sich aber auch viele politisch Interessierte schwer, sich selbst entlang der alten Konfliktlinien in das System und die dazugehörigen Organisationen einzuordnen. Und so bleiben sie dann oft ganz draußen. Denn Engagement auf Zeit schafft nicht unbedingt das Gefühl, dauerhaft in den Prozess eingebunden zu sein. Im Gegenteil, oft entstehen Bürgerinitiativen ja gerade dann, wenn in dieser Hinsicht schon einiges schiefgelaufen ist.Bis vor einigen Jahren setzten Netzaktivisten große Hoffnungen in die demokratisierende Kraft des Internets. Wer braucht noch die alten Institutionen, wenn sich jeder online beteiligen kann, neue Spielarten der Demokratie dort entstehen?
Doch im Jahr 2014 wirkt es eher so, als hätte sich die Kluft, die bereits offline bestand, online noch vertieft. Zum Beispiel im Journalismus: Oben steht der Leitartikel – unten die Kommentarspalte voller wütender Beschimpfungen. Dialog? Schwierig. Klar, es gibt auch besonnene Leserbriefe, nachdenkliche Kritik. Doch wer liest sich schon gerne durch Seiten voller Hass, um vielleicht auf den einen ruhigen Kommentar zu stoßen, der tatsächlich weiterbringt. Ähnlich dürfte es Politikern gehen. Die Wut, auch das zeigte das Jahr 2014, ist häufig beiderseitig. Denn natürlich gehen Hassmails und Schmähbriefe an niemandem spurlos vorbei, auch nicht an Leuten, die beruflich mit ihnen zu tun haben. Das hämisch gebrauchte “Putin-Versteher” als Bezeichnung für die Befürworter eines sanfteren Kurses gegenüber Russland ist Ausdruck der Wut von Journalisten und Politiker, die sich verunglimpft und bedroht fühlen.

Kritik bestenfalls als Anregung verstehen

Und so ist das Netz eben keine große, basisdemokratische Gemeinschaft, sondern zersplittert in viele kleine Parallelgesellschaften, in der sich jeder die Meinung und die Gesellschaft suchen kann, die ihm passt. Wer nicht will, muss seine Blase nie wieder verlassen – das gilt für die lauten Systemkritiker ebenso wie für Politiker und Journalisten. Aber wie kommen nun die beiden Seiten wieder zusammen? Ernst nehmen müsse man die Wut, heißt es gern. Das stimmt, einerseits. Medien und Politik können und dürfen sie nicht totschweigen.

An dieser Stelle ist es vielleicht ganz gut, bei sich selbst anzufangen. Was bedeutet das also für Journalisten? Es bedeutet, dass Reporter und Reporterinnen zu den Demonstrationen in Berlin, Dresden und Hannover fahren und darüber berichten müssen. Dass sie das Gespräch mit denjenigen Kritikern suchen sollten, die darauf auch Wert legen – anders als zum Beispiel Pegida. Und im besten Fall die Kritik als Anregung verstehen, noch mehr von der eigenen Arbeit und Vorgehensweise zu erzählen, Quellen offenzulegen.

Genauso, wie es richtig ist, dass sie in die Ostukraine und nach Kiew fahren, um sich ein Bild von den Ereignissen dort zu machen. Und ruhig einmal zugeben, wenn sie eine Situation nicht richtig einschätzen können. Mutig genug sein für Fragen und Ratlosigkeit. Es ist auch richtig und wichtig, dass sie Fehler in der Berichterstattung eingestehen, sie korrigieren, ihre Meinung auch einmal ändern und das auch zugeben.

Manche Kritik ist zu bequem

Anderseits führt das aber auch recht schnell zu der Erkenntnis, dass viele der neuen Systemkritiker ihre Ressentiments nicht ablegen werden, ganz egal, wie ernst man sie nimmt. Wer auf einer Demonstration Poster auslegt, auf denen die Terroristen der Welt als Fingerpuppen einer untenrum mit US-Flagge und Davidstern beärmelten Hand zeigt, der wird sich nicht von der “Mainstreampresse” einen Vortrag über Verschwörungstheorien, Antisemitismus und die neue Rechte gefallen lassen. Wer ausländerfeindliche Parolen brüllt, wird sich nicht mit Statistiken über die Kriminalitätsrate in der Nähe von Flüchtlingsheimen besänftigen lassen.

Das Eingestehen von journalistischen Fehlern sehen viele nicht als Zeichen von Transparenz, sondern als Bestätigung für ihren Systemhass. Und was soll ein Reporter schon machen, wenn er selbst vor Ort Eindrücke sammelt und Kritiker trotzdem dubiosen Quellen aus dem Internet glauben? Weil: “Ihr lügt doch eh alle!”

Aber da sind ja auch noch die Anderen. Die, die sich nicht mit Pegida und Co auf die Straße stellen würden und trotzdem über Medien und Politik klagen. Die ihren Verdruss nicht mit anitsemitischen Verschwörungstheorien begründen, sondern mit einem eher diffusen Unbehagen. Sie aufzugeben, wäre falsch – und mehr Transparenz, mehr fragende statt urteilende Berichterstattung und der ein oder andere Einblick in die eigene Arbeitsweise könnten da helfen.

Ebenso falsch wäre es allerdings, sich wirklich jede Kritik gefallen zu lassen. Denn bei einem Glas Wein oder auf Facebook pauschal über die Arbeit von Journalisten und Politikern herzuziehen, ist die denkbar einfachste Art und Weise, dem dumpfen Gefühl Ausdruck zu verleihen, dass irgendwas nicht stimmt in Deutschland. Vieles, was in solchen Momenten geäußert wird, ist arg bequem. Schwieriger ist es, nach der eigenen Verantwortung für das Gelingen gesellschaftlicher und politischer Prozesse zu fragen. Und den Diskurs nicht denjenigen zu überlassen, die in Dresden und anderswo auf die Straße gehen.

Erschienen auf Süddeutsche.de am 26.12.2014.