Der Aufstand der Excel-Mamas

Der Aufstand der Excel-Mamas

Das Private ist politisch: In Berlin wehren sich Mütter gegen den Kitaplatzmangel. Dabei geht es auch um moderne Vorstellungen von gleichberechtigten Beziehungen.

Entspannt sitzt sie im Café, trinkt Latte macchiato, das Kind schlummert im Oberklassekinderwagen, warm eingekuschelt in Naturtextilien. Das ist das Klischee über die Berliner Mittelschichtsmutter. Und das ist die Realität:

In Excel-Tabellen tragen Hunderte Mütter in Berlin die Kitas in ihrer Umgebung ein, in denen sie schon nach einem Platz für ihr Kind gefragt haben. Sie notieren Wartelisten-Plätze, Termine für Informationsveranstaltungen und ob die Kita lieber per Mail, telefonisch oder persönlich kontaktiert werden will. Am häufigsten aber notieren sie: Absage.

Im Frühjahr gab das Berliner Gericht einer Familie recht

3000 Kitaplätze etwa fehlen in Berlin in diesem Jahr. Das liegt vor allem daran, dass es an Erzieherinnen und Erziehern mangelt. Mehrere Familien haben schon Klage eingereicht, um ihren Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz durchzusetzen. Das Berliner Oberverwaltungsgericht gab im Frühjahr in einem ersten Fall einer Familie recht: Die zuständige Behörde – in Berlin sind das die Bezirke, in denen die Familien wohnen – muss innerhalb von fünf Wochen einen Kitaplatz in angemessener Entfernung bereitstellen.

Nicht nur in Berlin haben die Bezirke damit Probleme. Einer Studie des Instituts der Deutschen Wirtschaft in Köln zufolge fehlten in ganz Deutschland 2016 etwa 300 000 Betreuungsplätze für Kinder unter drei Jahren. Berlin, wo sich die Situation gerade so zuspitzt, lag in der Studie mit einer Lücke von 11,9 Prozent noch im Mittelfeld. In fast allen westdeutschen Bundesländern ist die Lücke größer, am größten ist sie mit 20 Prozent in Bremen.

Zum Symbol der Kitakrise in Deutschland wurde im vergangenen Jahr ein von oben aufgenommenes Foto einer Kitabesichtigung in Leipzig, zu der Hunderte Eltern bis auf die Straße Schlange standen. In Leipzig haben sich schon 2012Eltern zur “Kitainitiative Leipzig” zusammengetan. Sie haben im vergangenen Jahr nicht zum ersten Mal gegen den Mangel an Kitaplätzen in ihrer Stadt demonstriert. Und auch in Berlin haben sich die enttäuschten Eltern jetzt zusammengetan. Online tauschen sie sich über Kita-Klagen aus. Am 26. Mai ist eine Großdemo geplant.

Katja Cattien ist eine der Berliner Excel-Mütter. Die 40-jährige Diätassistentin hat einen neun Monate alten Sohn. Sie hat sich bereits bei 30 Kindertagesstätten in ihrem Stadtteil beworben – und von allen eine Absage bekommen. “Ich bin nur ein einziges Mal überhaupt bis zum Vorstellungsgespräch gekommen”, sagt Katja Cattien in einem Café im Stadtteil Friedrichshain, ihr Sohn Linus schläft auf der Bank am Fenster. Cattien will jetzt ihren Kitaplatz einklagen.

Betroffen sind Mütter, die der Staat eigentlich fördern will

Neben ihr steht Elise Hanrahan und schaukelt ihre elf Monate alte Tochter Martha im Tragetuch. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, wollte eigentlich spätestens wieder anfangen zu arbeiten, wenn ihre Tochter ein Jahr alt ist. Auch Elise Hanrahan musste ihren Chef um eine Verlängerung der Elternzeit bitten. Und auch sie dachte sich: Das kann ja wohl nicht sein.

Eigentlich sind Katja Cattien und Elise Hanrahan genau die Sorte Mütter, die die Politik mit dem Elterngeld und dem Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz zu mehr Kindern animieren wollte: gut ausgebildete, selbstbewusste Frauen, die ihren Beruf mögen, vielleicht auch Karriere machen möchten, erfüllt vom Wunsch, eine gleichberechtigte Beziehung zu führen. Soweit der Plan, auch wenn der gerade sehr gefährdet ist. Aber Katja Cattien und Elise Hanrahan geben nicht auf.

Cattien zum Beispiel war sich immer sicher, nach einem Jahr Elternzeit wieder arbeiten zu wollen. In der Charité wird gerade ein neues Ernährungsteam aufgebaut, sie hat fest damit gerechnet, dabei zu sein. “Und jetzt habe ich Angst, dass ich eine der Frauen werden könnte, die wegen der Kinder weniger arbeiten und am Schluss in Altersarmut abrutschen.” Ganz davon abgesehen, dass es auch in der Gegenwart finanziell eng wird für ihre Familie, wenn das Elterngeld nach einem Jahr ausläuft. Auch in Berlin sind die Zeiten längst vorbei, in denen man mit nur einem Gehalt problemlos über die Runden kommt.

Die Eltern fürchten auch um die Qualität der Kitas

Auch für Elise Hanrahan hat es berufliche Konsequenzen, dass sie nicht wie geplant zurückkehren kann. “Ich wollte mich zum 1. Juni auf ein Stipendium bewerben. Aber ich kann doch nicht mit Martha in der Trage ins Archiv gehen und arbeiten.” Was also bedeutet: kein Stipendium, kein Geld. Und in der Akademie wollte sie eigentlich eine Weiterbildung für die Mitarbeiter organisieren. “Das war mein Projekt, auf das ich mich sehr gefreut habe”, sagt Hanrahan. Großeltern, die aushelfen können, haben die beiden Mütter nicht. Es bleibt also nur die Klage. Und lauter Protest.Als Vorbild nennt Elise Hanrahan die Kitainitiative aus Leipzig. “Ich habe von dieser Demonstration gehört und dachte: Das brauchen wir in Berlin auch.” Als sie online recherchierte, fand sie schnell heraus: Andere Frauen hatten dieselbe Idee. Den Müttern geht es nicht nur um Kitaplätze. Die Berliner Eltern fürchten unter anderem, dass die erfolgreichen Eltern-Klagen in den Kitas zu größeren Gruppen, einer schlechteren Betreuungsqualität führen. Sie fordern eine bessere Bezahlung des Erzieherberufs, mehr Qualität statt weniger. Ihre Demonstration wird von der Bildungsgewerkschaft GEW unterstützt.

Aber was bringt das eigentlich? Anruf in Leipzig bei Victoria Jankowicz, die laut auflacht, als sie hört, dass es in Berlin jetzt Demo-Pläne gibt und eine Mutter sie als Vorbild nennt. Jankowicz ist seit 2012 in der Kitainitiative Leipzig aktiv. Den Kitaplatzmangel in Leipzig gibt es sechs Jahre nach der Gründung der Initiative ganz offensichtlich immer noch.

Aber es hat sich doch etwas verändert. “Immerhin gesteht die Politik inzwischen ein, dass es ein Problem gibt”, sagt Jankowicz. Zu Beginn sei alles vollkommen intransparent gewesen: wie viele Plätze wo fehlten zum Beispiel. Außerdem sei die Kitainitiative heute ein anerkannter Verhandlungspartner der Politik, Jankowicz und die anderen sitzen an runden Tischen mit Politikern und Vertretern des Jugendamts. “Ich glaube, wir gehen ihnen manchmal ganz schön auf die Nerven”, sagt Jankowicz. Aber das ist ja auch das Ziel: “Eltern, die keinen Kitaplatz haben, hatten bisher keine Lobby. Wir wollen sie ermutigen, ihre Interessen zu vertreten.” Und dann sagt Jankowicz: “Das Private ist politisch.”

Das zu erkennen, war auch für Cattien und Hanrahan aus Berlin wichtig. “Denn zunächst hat man vor allem persönliche Schuldgefühle”, sagt sie: “Hab ich wirklich genug getan? Hätte ich vielleicht 50 Kitas anschreiben sollen anstatt nur 30? Hätte ich meiner Bewerbung noch einen Baby-Lebenslauf beifügen, vielleicht einen Kuchen zur Bestechung backen sollen?” Dabei stecke der Fehler im System, nicht im Versagen der Mütter.

“Im ganzen sozialen Bereich wird ständig gespart”, sagt Katja Cattien. Für Familien sei die Situation besonders schlimm. “Das Theater fängt ja schon bei der Geburt an. Die Krankenhäuser sind voll, es gibt keine Hebammen, die Kinderärzte nehmen keine Patienten mehr auf.” Und dann gehe es eben mit den Kitaplätzen weiter.

Die Politik lasse die Mütter hängen, sagt Cattien

Cattien ist es aber auch wichtig zu betonen, dass nicht alles schlecht sei in Deutschland. Das Elterngeld zum Beispiel, überhaupt die Rechte, die Eltern zugestanden würden. “Aber es ist doch schade”, sagt sie, “da setzt die Politik erst so viele Anreize – und lässt uns Mütter dann hängen.” Sie sagt bewusst nicht “Eltern”. “Denn in den meisten Fällen trifft es doch die Mütter, die zu Hause bleiben.” Nicht zuletzt, weil Frauen immer noch weniger verdienen als Männer. Das sei eine Belastung für eine Beziehung, die bis dahin immer gleichberechtigt funktioniert habe.

Was auch bleibt, ist ein Gedanke, den Cattien formuliert. “Ich frage mich oft, wie das alles für Eltern ist, die kein Deutsch sprechen, ihre Rechte vielleicht nicht kennen, sich keinen Anwalt leisten können”, sagt sie.

In Berlin bekommt jedes dritte Kind Hartz IV, viele davon sind gefangen in einem Kreislauf der Armut, zum Beispiel, weil sie in ihren Familien kein Deutsch lernen. Einen Kreislauf, den sie nur mit Bildung aufbrechen können – und die, da sind sich Experten einig, muss bereits so früh wie möglich anfangen.

Erschienen in der SZ am 22. Mai 2018.