Der Rückzug ins Private muss aufhören

Der Rückzug ins Private muss aufhören

Pegida zeigt in aller Klarheit: Die Meinungen darüber, was Deutschland ausmacht, gehen weit auseinander. Ein Integrationsdefizit, das Migranten oft nachgesagt wird, weisen ganz andere Gruppen auf. Die Parallelgesellschaft sind wir alle.

Ein Abend in Leipzig. Ein Demonstrationszug von einigen Tausend Menschen, die meisten davon Männer, einige mit sehr kurzen Haaren. Ein paar Alte sind mit Gehstock unterwegs, einer wedelt mit seinem Stock in Richtung Absperrung, hinter der Gegendemonstranten stehen: “Studenten! Geht doch mal was arbeiten!”, ruft er. Viele auf seiner Seite schwenken schwarz-rot-goldene Fahnen, skandieren in Stadionlautstärke: “Deutschland, Deutschland, Deutschland.”

Dazwischen eine Frau, knapp über 30, mit brauner Hornbrille. Viele der Männer hier beäugen sie kritisch, einer der Herren mit Gehstock leuchtet ihr mit einer Taschenlampe ins Gesicht. Und das, obwohl sie ihren Schreibblock schon lange weggepackt hat. Doch die Demonstranten merken trotzdem: Sie gehört nicht hierher.

Die Frau bin ich. 32 Jahre alt, Journalistin, aufgewachsen als Kind westdeutscher, ehemals studentenbewegter Eltern in Bayern. Nun wohne ich in Berlin, in einem dieser Stadtviertel, die hier als mahnendes Beispiel für die bevorstehende Islamisierung Deutschlands gelten. Und bin zum zweiten Mal in meinem Leben in Leipzig, um dort über “Leipzig gegen die Islamisierung des Abendlandes” zu berichten, den inoffiziellen Ableger der Dresdner Bewegung Pegida - “Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes”.

Wir alle leben in Parallelgesellschaften

Ich gehöre also tatsächlich nicht dorthin. Die Lebens- und Gedankenwelt der Menschen auf der Demonstration ist mir in etwa so fremd, wie ihnen die meiner muslimischen Nachbarn in Berlin sein dürfte.

Von denen ich genaugenommen aber auch nicht viel weiß. Obwohl ich im türkischen Supermarkt einkaufe, habe ich wenig privaten Kontakt zu den Muslimen in meiner Nachbarschaft. Die einzigen Menschen mit muslimischen Wurzeln, die ich besser kenne, haben studiert, sind mäßig bis gar nicht religiös, um die 30, häufig Journalisten und mir sehr viel ähnlicher als ein Pegida- oder Legida-Demonstrant, mit dem ich doch angeblich ein gemeinsames christliches Wertefundament haben soll.

Es gibt in Deutschland nicht nur eine Kluft zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen oder Pegida und Anti-Pegida. Sondern zwischen allen möglichen gesellschaftlichen Gruppen und Schichten. Die meisten umgeben sich gerne mit Menschen, die ähnliche politische Einstellungen, ähnliche Werte, einen ähnlichen Bildungsabschluss, ähnliche Lebensentwürfe haben.

Oft ist es nicht nötig, die eigene Blase zu verlassen. Dazu kommen regionale Unterschiede: Was weiß der Westdeutsche über das Leben in Ostdeutschland? Wieviel Kontakt haben Münchner und Hamburger?

Unterschiedliche Leben? Gerne!

Natürlich gibt es übergeordnete Regeln, einen gesetzlichen Rahmen, in dem sich die ganze Vielfalt abspielt. Aber innerhalb dieses Rahmens ist jede Menge Platz für sehr unterschiedliche Lebensweisen. Welche Traditionen sollen beibehalten, welche überwunden werden? Was macht eine Familie aus? Wie sieht ein guter Job aus? Wie eine gute Erziehung? Wie ein erfolgreiches Leben? Wie ein zufriedenes Leben?

Das beantworten Menschen ganz unterschiedlich. Und führen deswegen unterschiedliche Leben. Das ist nicht weiter schlimm, es ist in einer pluralen Gesellschaft sogar gewollt und macht das Privatleben angenehm.

Doch neben dem Privatleben gibt es die Öffentlichkeit. Aus all den Menschen mit ihren unterschiedlichen Leben eine funktionierende Gesellschaft zu machen, ist nicht einfach. Eine fixe deutsche Leitkultur, wie sie sich viele der selbsternannten Patrioten in Leipzig oder Dresden vorstellen, gibt es nicht. Es ist unter anderem Aufgabe von Parteien, Politikern, zivilgesellschaftlichen Organisationen und auch von Meinungsmachern aller Arten, im öffentlichen Diskurs darüber zu verhandeln, was Deutschland ausmacht.

Und die Bürger? Legitimieren zunächst einmal Politiker durch Wahlen, Parteien und andere Organisationen durch ihre Mitgliedschaft, bezahlen für Informationen aus den Medien. Außerdem brauchen die Vereine und Kirchengemeinden ehrenamtliche Mitarbeiter. Engagement ist außerdem auf Bürgerversammlungen, über Leserbriefe und auf Wahlveranstaltungen gefragt.

Doch so klappt das nicht immer, faktisch: immer seltener. Das zeigt sich zum Beispiel auf den Pegida-Demonstrationen. Mehr noch als um den Islam oder überhaupt Migration geht es den Demonstranten um Kritik an Politik, Medien und Öffentlichkeit. Der typische Pegida-Demonstrant, so steht es in einer Umfrage, ist parteilos, konfessionslos, misstraut Politik und Medien - und damit jenen Institutionen, die unser politisches System am meisten beeinflussen.

Er ist also im Grunde nicht integriert in den politischen Prozess, fühlt sich ausgeschlossen von gesellschaftlichen Debatten. Außer wenn er sich mit dem Gang auf die Straße ins Bewusstsein jener drängt, die ihn sonst ignorieren – so der Vorwurf.

Politisches Integrationsdefizit

Die Demonstranten von Dresden sind nicht die einzigen mit so einem politischen Integrationsdefizit, sie sind nur gerade sehr laut. Dass die Deutschen in der Ära Merkel in politische Bräsigkeit abgesackt sind, ist vielfach beschrieben, oft auch beklagt worden. Gewerkschaften, Parteien, Kirchen, ehrenamtliches Engagement verlieren an Bedeutung. An die Stelle langfristigen Engagements tritt allzu oft spontan und lokal aufflackernde Wut.

An dem beschriebenen Vertrauensverlust sind Parteien, Kirchen und andere Organisationen zu einem großen Teil selbst schuld. Gerade die Parteien tun sich schwer, nach den eher starren Grabenkämpfen des 20. Jahrhunderts ihren Platz in einer zunehmend individualisierten Gesellschaft zu finden. Aber alleine können sie das auch nicht – und hier kommt wieder der Bürger ins Spiel.

Denn viele Bürger haben darauf keine Lust. “Die Welt ist mir zu viel – Und ich bin mir genug” schrieb die Zeit zum Jahreswechsel in einer Geschichte über den Erfolg von Wellness- und Einrichtungszeitschriften, Handarbeit und Entschleunigung. Autorin Julia Friedrich berichtet darin deutlich befremdet von der “Weltflucht” insbesondere der jüngeren Generation. Also der, die eigentlich die Welt prägen, verändern, für die Zukunft gestalten sollte.

Die Geschichte passt auf den ersten Blick nicht zu den allwöchentlichen Bildern von Pegida-Demonstrationen, zu den immer hitzigeren politischen Debatten in den sozialen Netzwerken. Und doch weist beides auf ein und dasselbe Problem hin. Eine Gesellschaft wie unsere kann nicht funktionieren, wenn sich immer mehr Menschen aus dem System zurückziehen. Sei es wütend und frustriert, wie die Pegida-Demonstranten. Oder auf die kuschelig-bürgerliche Wohlfühl-Weise, die Friedrich in der Zeit beschreibt.

Politik ist nicht immer befriedigend

Wer aufhört, sich für soziale Fragen, für das Leben jenseits der eigenen Blase zu interessieren und einzusetzen, ist für den politischen Prozess ebenso verloren wie die Demonstranten in Dresden, die “Lügenpresse” schreien und “der Politik” pauschal misstrauen.

Pegida wird zu Recht vorgeworfen, außer dumpfer Wut und diffusen Gefühlen nicht viel zur Diskussion beizutragen. Immerhin zwingen die Demonstranten aber auch Menschen, die ganz anders denken, zu einer Erkenntnis: Professionelle Akteure wie Politik und Medien können den Diskurs nicht alleine führen.

Die Politik muss auf die Menschen zugehen, sie ernst nehmen, heißt es oft. Das ist richtig. Doch Politiker müssen auf der anderen Seite auch Leute vorfinden, die bereit sind, sich mit dem politischen Prozess, mit seinem lästigen Kleinklein, mit dem Zustandekommen seiner oft unbefriedigenden Ergebnisse, auseinanderzusetzen. Vielmehr: sich sogar einzubringen.

Und gerade für diejenigen, die nicht wollen, dass Pegida und Co. die Schlagzeilen dominieren, gibt es nur eine logische Folge aus Dresden und Leipzig: Der Rückzug ins Private muss aufhören.