Die Flüchtlingsfrage entscheidet sich in der Provinz

Die Flüchtlingsfrage entscheidet sich in der Provinz

Integration, das war bislang die Sache von Großstädten. Jetzt sind kleine Gemeinden mit vielen Flüchtlingen konfrontiert. Ein Beispiel in Niedersachsen zeigt, dass auf dem Land vieles schneller gehen kann.

Was die Samtgemeinde Hambergen hat: Etwa 11 000 Einwohner, acht Kirchengemeinden, drei Fußballvereine, neun Schützenvereine, fünf Erntefest-Komitees, einen Aldi, einen Lidl, einen Penny, einen Edeka und einige Kilometer Landstraße weiter einen Bahnhof mit Zügen, die eine halbe Stunde nach Bremen brauchen.

Was die Samtgemeinde Hambergen auch seit Kurzem hat: 120 neue Bewohner. Flüchtlinge aus Syrien, Eritrea und vom Balkan, die meisten sind Familien mit Kindern – und weil es genügend freie Wohnungen und Häuser gibt, müssen sie nicht in Turnhallen oder Gasthöfen schlafen.

Was die Samtgemeinde Hambergen nicht hat: viel Erfahrung damit, wie man es den 120 neuen Bewohnern möglichst angenehm macht, ohne die alten Bewohner zu verärgern.

Integrationsdebatten waren Großstadtdebatten

Damit ist Hambergen im Landkreis Osterholz nicht alleine. Überall in Deutschland kommen gerade Flüchtlinge an, auch in kleinen Städten und Gemeinden. Und die müssen sich Fragen stellen, mit denen sie bisher nicht viel zu tun hatten. Die Integrationsdebatten der vergangenen Jahre waren Großstadtdebatten. Dort diskutierten Politiker, Journalisten, Wissenschaftler und Migrantenverbände über doppelte Staatsbürgerschaft, Kopftücher in Klassenräumen, Parallelgesellschaften, die Vorzüge von Multikulti-Vierteln und die Frage: Was ist das überhaupt, Integration?

In der Samtgemeinde Hambergen, die aus den fünf Mitgliedsgemeinden Hambergen, Axsted, Holste, Lübbersted und Vollersode besteht, kümmern sich um diese Frage seit einem Jahr der Bürgermeister, der Pastor, der Polizist und ein ehemaliger Tischler. Gemeinsam suchten sie Ehrenamtliche, richteten mit den Freiwilligen eine Kleiderkammer ein, kümmern sich um Möbel in den Wohnungen der Flüchtlinge. Die Frau des Bürgermeisters, die Frau des Pastors und die Frau des Polizisten veranstalten seit einem halben Jahr einmal pro Woche das “Café International” im Gemeindehaus, wo sich alte und neue Einwohner der Samtgemeinde treffen können. Im November planen sie mit Hilfe einiger junger Freiwilliger ein Begegnungsfest.

Die Flüchtlinge kamen, der Bürgermeister hat sich zu kümmern

Wie kam es dazu? Bürgermeister Kock, ein ruhiger und freundlicher Mann mit Stoppelfrisur und dezenter Brille, hatte die Idee für die Flüchtlingsinitiative. Er sagt: “Ich dachte einfach: Irgendwas muss man ja tun.” Die Flüchtlinge kamen, der Bürgermeister hat sich zu kümmern – so einfach war das. Es war ja auch sonst niemand da. Kein Integrationsbeauftragter, keine Flüchtlingsinitiative, keine Migrantenorganisation und erst recht kein Integrationsforscher.

Genau das ist es, was die Integration auf dem Land schwierig machen kann, schreibt die Darmstädter Schader-Stiftung, die seit 2009 Migration im ländlichen Raum untersucht. Es gibt zu Beginn meistens niemanden, der sich hauptberuflich, routiniert und dauerhaft um die Neuankömmlinge kümmert. In kleinen Kommunen müssen das häufig die ohnehin schon dünn besetzten Verwaltungen übernehmen, die für Integrationsarbeit nicht ausgebildet sind. Und eben Ehrenamtliche, die bestenfalls schon einige Erfahrung im Umgang mit Flüchtlingen aus der Zeit der Jugoslawienkriege in den Neunzigerjahren haben.

Bürgermeister Kock ist derjenige in Hambergen, der als Repräsentant der Verwaltung qua Amt den Überblick über die Abläufe hat. Dessen Wort dort auch zählt. Der weder in Panik verfällt, noch die Situation beschönigt. Der Dinge sagt wie: “Bisher haben wir die Flüchtlinge gut untergebracht.” Aber auch Dinge wie: “Meine Mitarbeiter sind an der Belastungsgrenze.”

35 Mitarbeiter hat das Rathaus, einer davon kümmert sich inzwischen ausschließlich um die Wohnungssuche für Flüchtlinge und arbeitet Anträge ab. In der zehn Kilometer entfernten Kreisstadt Osterholz-Scharmbeck gibt es für die Neuankömmlinge eine Beratungsstelle für rechtliche Fragen, die von einer Angestellten in Teilzeit betreut wird. “Die muss sich aber zum Beispiel auch um die Drogenberatung kümmern”, sagt Pastor Björn Beißner.

Beißner, 31, kam mit seiner Frau vor zwei Jahren nach Hambergen. “Wir fanden, dass man die Leute nicht einfach sich selbst überlassen kann”, sagt der Pastor über sein Engagement in der Initiative. Damit meint er nicht nur die Flüchtlinge, sondern auch ihre neuen Nachbarn. Immerhin sei die Integration etwas, das seine Gemeinde unmittelbar betreffe. Er sieht sie als seinen Job, auch wenn sie in seiner Ausbildung keine Rolle spielte.

Das geht auch dem Polizisten im Ort so. Er ist der natürliche Ansprechpartner der Bürger, wenn es mal Stress gibt. Und den gibt es, klar, sagt Beißner: “Die größten Konflikte gibt es um die Mülltrennung.” Und ansonsten stören viele Kleinigkeiten, die auch unter deutschen Nachbarn zu Streit führen: Wenn die Musik zu laut ist, die Kinder abends auf der Straße spielen. “Viele Nachbarn fürchten gegenüber Flüchtlingen allerdings die Sprachbarriere: Wie sage ich jemandem, mit dem ich keine gemeinsame Sprache habe, was mich stört?”

Engagement wächst aus Betroffenheit

Der Bürgermeister, der Pastor, der Polizist und der Tischler – wenn die richtigen Leute zusammenkommen, kann durch die flachen Hierarchien auf dem Land vieles schneller gehen als in der Stadt. Es kann aber auch schiefgehen, wenn die Verantwortlichen zwar beherzt, aber allzu ahnungslos an die Sache herangehen. So wie im baden-würtembergischen Hardheim, wo der Bürgermeister einen Brief an die Flüchtlinge im Ort schrieb, dessen Ton viele als befremdlich empfanden. In Hambergen wollten sie es besser machen und haben daher vor der Gründung der Initiative Organisationen in anderen Orten nach deren Erfahrungen gefragt. Die Flüchtlingshelfer in Hambergen bekommen inzwischen auch Fortbildungen vom Landkreis.Und wie läuft es nun, ein Jahr später, mit der Integration? Pastor Beißner konstatiert nüchtern: “In so einer Dorfgemeinschaft fallen Fremde natürlich auf.” Anders als in der Großstadt, wo man wunderbar nebeneinanderher leben kann. Auf dem Land, so stellt es der Migrationsforscher Hannes Schammann von der Universität Hildesheim fest, sind die Menschen schneller direkt betroffen. “Betroffenheit ist der Ausgangspunkt für jegliches Engagement – dafür oder dagegen. Für Kommunen, die damit umgehen können, ist das ein Schatz. Trifft die Betroffenheit allerdings auf fehlende professionelle Strukturen, kann das ein Problem sein.”

Ist die Provinz fremdenfeindlicher?

Umfragen zeigen außerdem, dass Fremdenfeindlichkeit dort größer ist, wo es weniger Fremde gibt, die Gemeinschaft homogener ist. “Die Normalität und Begegnungshäufigkeit zwischen Migranten und Nichtmigranten gibt es auf dem Land bisher nicht”, so drückt es Migrationsforscher Schammann aus.

Er warnt allerdings vor dem Umkehrschluss, demzufolge ein bisschen mehr Kontakt mit Fremden automatisch dazu führe, dass Ängste abgebaut werden. “Es muss schon ein Kontakt sein, der als positiv empfunden wird.” Wenig förderlich ist es zum Beispiel, wenn zwischen Flüchtlingen und Einheimischen Konkurrenz entsteht. “Ich will nicht daran denken, wie es wäre, wenn wir Flüchtlinge in einer Turnhalle oder einem Dorfgemeinschaftshaus unterbringen müssten”, sagt Hambergens Bürgermeister Kock. “Da kann die Stimmung schnell umschlagen.” Schließlich gebe es auf dem Land immer weniger Gaststätten oder andere Orte, wo sich die Menschen in ihrer Freizeit aufhalten.

In Hambergen gibt es Patenschaften und Fahrdienste

Bisher läuft es in Hambergen aber gut. Einige Einwohner haben Patenschaften für Familien übernommen, fahren Flüchtlinge zum Bahnhof und deren Kinder ins Fußballtraining. Denn ohne Auto kommt man hier nicht weit. Es gibt zwar Supermärkte, Vereine, Ärzte und einen Bahnhof. Doch die liegen viele Kilometer auseinander. Der nächste Facharzt ist häufig erst in der Kreisstadt zu finden. “Auf der anderen Seite kennt jeder jeden”, sagt Pfarrer Beißner, “da kann man leicht mal anrufen und sagen: Hey, kannst du vielleicht jemanden zum Bahnhof fahren?”

Eine andere Frage ist, wie die Flüchtlinge ihre Freizeit verbringen. “Hier ist natürlich weniger los als in der Stadt. Am kulturellen Leben teilzunehmen, ist auch nicht so leicht”, sagt Beißner. In der Großstadt haben Migranten oft eigene Vereine, Veranstaltungen, treffen sich zum Beispiel innerhalb ihrer religiösen Gemeinden. Das fehlt in kleinen Orten wie Hambergen. “Negativ könnte man sagen: Auf dem Land wächst damit der Assimilationsdruck”, sagt der Migrationsforscher Schammann. “Positiv könnte man aber sagen: Es gibt mehr Möglichkeiten, direkt mit Einheimischen in Kontakt zu treten.”

Von alleine passiert das aber nicht, stellt Pastor Beißner klar. “Natürlich können zum Beispiel die Flüchtlingskinder jederzeit im Verein Fußball spielen.” Doch das muss ihnen erst einmal jemand erzählen und sie auch irgendwie hinbringen zum Training, denn vielen von ihnen sei es nicht wohl dabei, in den Abendstunden auf dem Fahrrad dunkle Feldwege entlangzufahren – “bei allem, was sie erlebt haben”.

Andere Veranstaltungen sind für Fremde schwer zugänglich. “Mit einem Erntefest, wo Sketche auf Plattdeutsch aufgeführt werden, können Flüchtlinge natürlich nicht viel anfangen”, sagt Beißner. Daher kam die Idee mit dem Begegnungsfest. Dialekt sei generell ein großes Thema für Flüchtlinge in der Provinz, ergänzt Schammann – sie müssen nicht nur einmal, sondern zweimal Deutsch lernen. Und im Zweifelsfall nicht nur verstehen, was “Ja” und “Nein” heißt, sondern auch “Ja, mei!”.

Die Schader-Stiftung bemängelt außerdem, dass es außerhalb der praktischen Fragen im ländlichen Raum kaum eine Debatte gibt. Weder ein Konzept, was Integration eigentlich bedeutet, noch, welche Ziele man vor Ort verfolgt.

“Hier verändern sich schon immer Dinge, ohne dass Flüchtlinge kommen”

“Ich weiß auch gerade nicht, wo man diese Debatte führen sollte”, sagt Beißner. Im Moment gehe es schlicht darum, die Realität zu bewältigen, also eher um praktische und nicht um ideologische Fragen. Doch die kommen irgendwann. Die wichtigste ist: Ist Integration gleich Assimilation, also die vollständige Anpassung an die neue Heimat?

“Der Wunsch ist, dass sich die Flüchtlinge so integrieren, wie es hier üblich ist. Das wird natürlich in der Realität nicht so sein”, sagt Beißner. Er sagt jedoch auch: “Hier verändern sich schon immer Dinge, auch ohne dass Flüchtlinge kommen.” Zum Beispiel interessiere sich die jüngere Generation schon nicht mehr im gleichen Ausmaß für Brauchtumspflege wie die ältere – und stürze sich dafür voller Eifer in die Organisation des Willkommensfestes.

Die Verhältnisse in Hambergen sind nicht statisch. Das Dorf wird sich verändern in den kommenden Jahren. So wie sich Deutschland verändern wird. Ob es gelingt, den Alltag zwischen alten und neuen Bewohnern zu gestalten, hängt von vielem ab: Von Gesetzen und politischen Entscheidungen, von wissenschaftlichen und publizistischen Debatten.

Aber zu einem großen Teil auch von Menschen wie Bürgermeister Kock und Pastor Beißner.

Erschienen auf Süddeutsche.de am 11. November 2015.