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Ein paar Worte zum „Arsch“

Ein paar Worte zum „Arsch“

Ihr kennt das vielleicht, morgens, auf Twitter: Man liest etwas, wird irre wütend, schreibt etwas, bereut es hinterher. Gestern habe ich auf Twitter geschrieben, die „sonst so geschätzte Zeit“ habe doch „den Arsch offen“. Harte Worte, wie ich sie selten wähle. Im Verlauf des Tages habe ich immer wieder die Seite, die mir diese harten Worte entlockt hat, angesehen. Den Artikel dazu gelesen. Und anstatt zu bereuen, blieb die Wut, blieb die Fassungslosigkeit.

Den Artikel haben inzwischen viele Menschen zerpflückt, viele Punkte angesprochen, die auch ich falsch finde – z.B. hier. Ich möchte mich auf einen Punkt konzentrieren,  den ich besonders schlimm fand. Mariam Lau schreibt über die Helfer: „Ihr Verständnis von Menschenrechten ist absolut kompromisslos“, später, dass sie kein „moralisches Zwischenreich“ kennen. Doch genau das, liebe Leute, ist das Wesen der Menschenrechte. Sie gelten immer. Für jeden. Dass die Autorin dann auch noch jenen, die auf dieser Universalität bestehen, vorwirft, für die Spaltung Europas verantwortlich zu sein, finde ich unfassbar.

Die Zeit hat hier eine Grenze überschritten, über die ich nicht zu gehen bereit bin, übrigens auch mit der zynischen Aufmachung des Pro und Contra. Bevor jetzt jemand sagt: Aber eine Überschrift spitzt doch nur zu… Eine Überschrift ist Teil des Artikels, Teil der Botschaft, die sich ein Medium in diesem Moment entschließt zu senden. Und die Botschaft, die die Zeit mit dieser Seite sendet, ekelt mich an. Daran ändert die Tatsache auch nichts, dass das ganze als Pro&Contra aufgemacht ist. Die Tendenz, einfach alle Meinungen irgendwie abbilden zu wollen, halte ich eher für denkfaul als für ausgewogen.

Ich weiß, dass viele von Euch das genauso sehen, ich habe noch nie so viele Nachrichten auf irgendeinen Text bekommen wie auf den Tweet gestern. An dieser Stelle: Danke, danke, für Eure lieben Worte und die Unterstützung. Das bedeutet mir sehr viel. Einige andere kritisieren meine Wortwahl. Man müsse das ganze doch höflich diskutieren. Da muss ich klar sagen: Leute, die „Arsch“ für eine Grenzverschiebung halten, aber gleichzeitig höflich die Relativierung von Menschenrechten diskutieren möchten, verstehe ich nicht. Vielleicht fehlt mir dafür die hanseatische Erziehung.

An dieser Stelle möchte ich aber auch sagen, dass ich niemals einen Menschen bedrohen oder ihm den Tod wünschen würde, egal, ob im Scherz oder im Ernst. Ich möchte auch nicht die Zeit vom Diskurs ausschließen, nicht nur, weil ich so viele ihrer Autor*innen schätze. Dass jede (harsche) Kritik gleich in diese Richtung gedreht wird, ist aber leider eine altbekannte Dynamik, die allzu oft von eigenen Fehlern ablenken soll.

Damit bin ich bei meinem nächsten Punkt. Lasst mich Euch auch erzählen, wie es mir die letzten Wochen und Monate ging: Ich war oft genug sprachlos, fassungslos ob der immer neuen Tabubrüche und Grenzverschiebungen auch in geschätzten Medien. Im Falle der Zeit möchte ich nur den #metoo-Artikel von Jens Jessen erwähnen. Was mich gelähmt hat, war der Gedanke: Das sind alles gezielte Provokationen. Wenn ich jetzt wütend darauf reagiere, tue ich genau das, was sie wollen. Und liefere ihnen Stoff für die nächste Geschichte à la: „Die Linke“ ist hysterisch, kann keine sachlichen Diskussionen mehr ertragen, schottet sich ab und ist eigentlich Schuld an dem Graben, der sich in der Gesellschaft auftut. So ist es ja auch diesmal wieder, wo angeblich „die flüchtlingsfreundliche Gemeinde“ in den Kampf zieht und damit den sachlichen Diskurs verhindere.

Aber wisst Ihr was? Ich ertrage es nicht mehr zu schweigen, ich ertrage es nicht mehr, jeder neuen Ungeheuerlichkeit mit Ironie oder Sarkasmus zu begegnen, um ja nicht uncool oder dogmatisch zu erscheinen, um die Kommunikationskanäle offen zu halten zu jenen, deren giftige Gedanken immer weiter in die Gesellschaft sickern.

Verzeiht mir, dass ich ein bisschen pathetisch werde. Aber ich will meinen Kindern später nicht sagen müssen: Als die Rechten den Diskurs übernahmen, hab ich mich nicht provozieren lassen, war ich immer höflich. Weil ich glaube, dass das nicht genügt. Und bevor das jemand fragt: Natürlich ist bei uns zuhause „Arsch“ nicht der normale Umgangston. Aber mir ist es tausendmal lieber, meine Tochter wird zu einem Menschen, der zur richtigen Zeit laut und deutlich „Arsch“ sagt, als zu einem Menschen, der nur stumm zuguckt. Oder, noch schlimmer, zu einem Menschen, der angesichts ertrinkender Menschen von einem „moralischen Zwischenreich“ spricht, oder denkt, eine achselzuckend-zynische Überschrift wie „Oder soll man es lassen?“ würde irgendwie zum sachlichen Diskurs anregen.