Eine Aktion, an der Trolle verzweifeln

Eine Aktion, an der Trolle verzweifeln

 

Es dauerte nicht lange, bis die ersten Witzbolde in die Tastaturen hauten: “#aufschrei hat #grimmepreis gewonnen. Freundin darf nun einmal die Woche ins Internet, für sie ist das aber #neuland“, schrieb ein Nutzer auf Twitter, kurz nachdem die Anti-Sexismus-Aktion #Aufschrei den Grimme Online Award gewonnen hatte – als erster Hashtag überhaupt.

Es gab viele solcher Twitter-Beiträge, als es Anfang des Jahres losging: Die Initiatorinnen Anne Wizorek, Nicole von Horst und Jasna Strick stießen damals mit #Aufschrei eine Sexismus-Debatte an, die bald weit über das Internet hinausging. Innerhalb kürzester Zeit lag folgender Spruch auf Platz sieben der meistgeteilten deutschsprachigen Tweets: “Meine Frau wollte auch etwas zu #aufschrei twittern. Das W-Lan reicht aber nicht bis in die Küche.” Die Initiatorinnen mussten sich noch weitaus Schlimmeres anhören. Sie wurden – wie originell – als prüde Zicken und Männerhasserinnen beschimpft, erhielten Hass- und Drohmails.

#Aufschrei ist praktisch untrollbar

Das Erstaunlichste daran ist, dass die Trolle nicht zu verstehen scheinen, dass sie mit jedem Angriff unter der Gürtellinie, mit jedem “Wenn Du nicht belästigt werden willst, dann zieh’ Dir halt was anderes an/geh nicht allein nachts vor die Tür/wehr’ Dich halt” die Notwendigkeit jener Aktion bestätigten, die sie eigentlich ins Lächerliche ziehen wollten. Im Zuge der Debatte wurde klar, dass auch im 21. Jahrhundert die Frage “Wie sollen und wollen Frauen und Männer miteinander umgehen?” alles andere als geklärt ist. #Aufschrei war und ist praktisch untrollbar – und gerade deswegen so machtvoll.

Noch aus einem anderen Grund ist die Auszeichnung mehr als verdient. Die Initiatorinnen von #Aufschrei haben gezeigt, dass es längst nicht mehr etablierte Medien sein müssen, die über die Relevanz oder die Stoßrichtung einer Debatte entscheiden. Während die nämlich Anfang des Jahres noch über einen Artikel diskutierten, in dem die Stern-Journalistin Laura Himmelreich einen Übergriff des FDP-Spitzenkandidaten Rainer Brüderle thematisierte, erkannten die jungen Feministinnen schnell, dass in der Diskussion mehr steckt als ein politisches Skandälchen.

Sie gaben mit #Aufschrei all jenen eine Stimme, die schon lange unzufrieden damit sind, wie sie als Frauen immer noch behandelt werden. Von sexistischen Sprüchen auf der Straße, im Job oder in der Schule bis hin zu handfesten Übergriffen beschrieben zumeist junge Frauen Situationen, die verdeutlichen, warum es heute immer noch Feminismus braucht.

Dikussion auf Twitter schwappte auf Medien über

In der Begründung der Jury hieß es folgerichtig, erst durch Twitter habe die gesellschaftliche Diskussion über Sexismus an Dynamik gewonnen und sei dann in aller Breite auch in anderen Medien geführt worden. Ein Prozess übrigens, der (noch) selten vorkommt – allzu oft verhallen Netzdebatten in dem, was die Beteiligten halb zärtlich, halb selbstkritisch “Filterbubble” nennen.

Dabei spielt es im Prinzip auch keine Rolle, dass den harten Kern der Bewegung nur einige Dutzend Aktivistinnen ausmachten – was dem #Aufschrei bald den Vorwurf einbrachte, nicht repräsentativ zu sein. Da hätten, so monierten einige Kritiker, eben ein paar gut vernetzte und kommunikationstechnisch versierte Online-Profis der Mehrheit der Gesellschaft eine Debatte aufgezwungen, die diese eigentlich gar nicht führen wolle. Das könne man, so argumentieren die Gegner weiter, nicht zuletzt an den vielen kritischen Artikeln, Blogeinträgen und Tweets erkennen, die dem #Aufschrei so gar nichts abgewinnen konnten.

Was ist eine gesellschaftlich relevante Debatte?

Doch auch dieses Argument führt in die Irre. Denn wer sagt denn, dass eine Debatte nur dann gesellschaftlich relevant ist, wenn sie von der Mehrheit der Gesellschaft ausgeht? Um das naheliegendste aller Beispiele zu wählen: Auch die 68er Bewegung war keine Bewegung der Mehrheitsgesellschaft. Auch sie hat dem restlichen Deutschland eine Debatte aufgezwungen, die das Land zu diesem Zeitpunkt eigentlich gar nicht führen wollte. Und auch sie hat nach und nach Menschen mitgerissen, politisiert und schließlich Deutschland verändert.

Damit eine Debatte gesellschaftlich relevant ist, müssen auch nicht alle einer Meinung sein. Im Gegenteil: Zeigt nicht gerade die Vielzahl an unterschiedlichen Ansichten, die im Zuge von #Aufschrei den Weg in die Öffentlichkeit fanden, dass hier etwas noch lange nicht ausdiskutiert ist? Die Relevanz einer Aktion wie #Aufschrei ergibt sich deswegen nicht daraus, dass ihr alle Beifall klatschen. Sie braucht gerade das Aufeinanderprallen verschiedener Meinungen und Weltanschauungen, um überhaupt zu einer Debatte zu werden. Einer Debatte übrigens, die noch lange nicht zu Ende ist.

Erschienen im derdiedas Blog von Süddeutsche.de am 22. Juni 2013.