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“Gegen Russland, für Russland – was soll das denn?”

“Gegen Russland, für Russland – was soll das denn?”

So viele Tote, so wenige Antworten: Odessa gilt als Tor zu Europa. Doch vor einigen Wochen starben in der ukrainischen Hafenstadt nach heftigen Ausschreitungen Dutzende prorussische Demonstranten bei einem Brand. Seitdem finden die Bewohner keinen Frieden.

Der Bagger kommt noch vor der Wahl. Dutzende Polizisten stehen rund um das Gewerkschaftshaus in Odessa, halten die Menschen fern von dem Ort, wo am 2. Mai Dutzende prorussische Aktivisten verbrannten. Die Ähnlichkeit zum Maidan in Kiew, wo die Revolution begann, die die Ukraine nun spaltet, sind kaum zu übersehen. Auch hierher haben die Menschen Kerzen, Blumen und Plakate gebracht, die an die Toten erinnern sollen. Und auch hier ist bis heute nicht klar, wer eigentlich verantwortlich ist für das, was geschah. Gerüchte gibt es, das schon: Nationalisten hätten das Gebäude angezündet, Polizisten die Order erhalten, nicht einzugreifen, Chloroform sei gefunden worden. Doch echte Antworten sind diese Spekulationen nicht.

Trotzdem bringt der Bagger schon einmal einen Bauzaun, der die Leute davon abhalten soll, in die Ruine zu steigen. Bisher klettern noch einige darin herum, machen Fotos. Auf den kohlschwarzen Treppen stehen brennende Kerzen, in den zersplitterten Fensterscheiben stecken Nelken, hier und da liegen Glasscherben auf dem rußigen Boden, die Wände sind über und über beschrieben: “Wohl unseren Helden!” und: “Wir werden euch nie vergessen!”

Vor dem Haus stehen ein paar Menschen und sehen murrend zu, wie der Bagger Steine, Wellblech und Schutt umstapelt. “Die wollen, dass die Leute hier nicht mehr herkommen”, sagt Ljudmila. Sie ist Anfang 50, trägt das blonde Haar hochgesteckt und helle, offene Absatzschuhe, die es ihr nicht erlauben, in die dreckige Ruine zu klettern.

Sie schaut auf ein Plakat, das an einem Bretterverschlag befestigt ist: “Boykottiert die faschistischen Wahlen auf Kosten der einfachen Leute”, steht da. Gemeint sind die Wahlen am Sonntag – Odessa wählt einen neuen Bürgermeister, die Ukraine einen neuen Präsidenten. “Das ist so wahr”, murmelt Ljudmila. Und: “Schrecklich, es ist so schrecklich.”

Sie tritt auf die Polizisten zu, die vor dem Bagger stehen und sagt, nun viel lauter: “Wenigstens ein bisschen hätten sie es doch noch stehenlassen können.” Ein junger Mann mischt sich ein. “Überlegt doch mal, wie lange sie die Kerzen und das alles auf dem Maidan gelassen haben”, sagt er.

“Auf einmal sollen alle Separatisten sein”

Beide starren wieder auf den Bagger. “Ich habe gehört, sie haben Slawjansk bombardiert”, sagt der Mann. Ljudmila bleibt stumm. “Mein Vater lebt in Slawjansk”, sagt der junge Mann weiter. “Der ist kein Separatist.” Ljudmila nickt: “Auf einmal sollen alle Separatisten sein. Bin ich ein Separatist, wenn ich gegen die Faschisten in Kiew auf die Straße gehe?”

Faschisten. Das Wort hat sich festgesetzt in den Köpfen derer, die mit der Kiewer Übergangsregierung nicht zufrieden sind. Die russischen Fernsehsender, die hier viele sehen, tun alles dafür, dass es dort auch bleibt. Im Gewerkschaftshaus steht es unzählige Male auf die rußigen Wände geschmiert. Faschisten. Faschisten. Faschisten. So oft, dass es – wie das häufig ist, wenn man ein Wort immer und immer wieder sagt – in seine Einzelteile zu zerfallen scheint, keine echte Bedeutung mehr hat. Faschisten. Faschisten. Faschisten.

In Odessa steht das Wort inzwischen für ein Gefühl, das viele im Osten der Ukraine haben: Die da in Kiew machen, was sie wollen. Und wir einfachen Leute müssen es ausbaden. Da passt es gut ins Bild, dass als Favorit für das Präsidentenamt der Unternehmer Petro Poroschenko gilt, einer der reichsten Männer der Ukraine, der in den vergangenen Jahren munter zwischen den politischen Lagern herumsprang.

Ob sie denkt, dass das alles besser wäre, wenn die Ostukraine zu Russland gehören würde? Ljudmila will darauf nicht so recht antworten. “Das Volk soll entscheiden! Das ist doch Demokratie! Aber das wollen die ja natürlich nicht.” Wer, “die”? “Na, Timoschenko, Poroschenko, wie sie alle heißen. Die haben sich das doch ausgedacht. Erst haben sie auf dem Maidan auf ihre eigenen Leute schießen lassen und jetzt kommen sie hierher und bringen unsere Leute um.”

Ljudmila war nicht dabei auf der Demonstration vor einigen Wochen, die so schrecklich endete. Sie demonstriert eigentlich überhaupt nicht. “Aber jetzt, jetzt bin ich kurz davor. Einfach, weil es mich so ärgert.” Ob Odessa nun zu Russland oder zur Ukraine gehört, ist da fast schon egal. Hauptsache es gewinnt nicht die “faschistische Junta” in Kiew, die Oligarchen und Opportunisten, die auf ihr eigenes Volk schießen lassen.

Irgendwie ukrainisch, irgendwie russisch, irgendwie europäisch

Die Angst vor den Faschisten aus Kiew kennt Deniz gut. Er ist29 Jahre, Filmemacher, und hat sich in einem Apartment in der Nähe der Oper mit Freunden ein Atelier eingerichtet: “Eizenlab” nennen sie sich, nach dem berühmten sowjetischen Regisseur Sergej Eisenstein, der mit dem Film “Panzerkreuzer Potemkin” weltberühmt wurde. Die Wände sind bunt angemalt, es gibt eine kleine Bibliothek und eine Küche, in der Deniz Tee kocht – mit viel Zucker und Zitrone, wie man ihn hier trinkt. Er kommt aus einer Künstlerfamilie, der Vater ist Regisseur, die Mutter Fotografin. Im Winter war Deniz zu den Protesten in Kiew, auf dem Maidan.

Seine Familie kommt aus dem Donbas, dem Donezbecken, die Großeltern und der Onkel wohnen immer noch dort. “Mein Großvater, der viel russisches Fernsehen sieht, war ganz aufgebracht: Was hängst du mit diesen Bandera-Leuten herum?”, sagt Deniz. Stepan Bandera ist ein umstrittener ukrainischer Partisan. Im Zweiten Weltkrieg schlug er sich auf die Seite der Nationalsozialisten und kämpfte gegen die Sowjetunion, wurde aber schließlich von den Deutschen in ein Konzentrationslager gesperrt.

Auf der anderen Seite hat Deniz viele russische Freunde. Der Filmemacher hat in Moskau studiert, danach in Sankt Petersburg gearbeitet. “Da fragen mich dann schon manchmal die Leute hier: Bist du Russe oder was?” Er selbst wisse gar nicht so genau, ob er sich nun als Russe oder als Ukrainer fühle. “Gegen Russland, für Russland, was soll das denn?”, sagt er. “Ich spreche Russisch, mein Ukrainisch ist schlecht. Aber trotzdem will ich, dass sich hier was ändert.”

Das Gefühl, irgendwie russisch, irgendwie ukrainisch und irgendwie europäisch zu sein – es zieht sich durch alle Gespräche in Odessa. Valentina zum Beispiel fängt bei dem Gedanken an zu weinen, Puschkin, den großen russischen Erzähler, auf Ukrainisch zu lesen. “Ich fühle mich der russischen Kultur verbunden”, sagt die 52-Jährige. Und trotzdem stellt sie sich nicht wie Ljudmila an das Gewerkschaftshaus, sondern geht sonntags zur Puschkin-Statue am Hafen, wo sich die Maidan-Bewegung trifft.

Valentina sagt: “Puschkin hat einmal über Odessa gesagt: Hier atmet man den Geist Europas”. Schon unter Katharina der Großen, die Odessa gegründet hat, haben hier Menschen aller möglichen Nationalitäten gewohnt und mit Waren gehandelt. “Hafenstädte sind immer freier als andere Städte, diesen Geist kann man nur schwer niederkämpfen”, sagt Valentina. In der Sowjetunion hätten die Seeleute und Hafenarbeiter immer wieder Dinge in die Stadt gebracht, die es eigentlich nicht geben durfte: Kleider aus dem Westen, Lebensmittel, den Spiegel, fügt sie hinzu. Valentina arbeitet als Reiseleiterin, führt oft deutsche Touristen durch die Stadt. Doch im Moment kommen keine Touristen, denen sie von Puschkin und Katharina der Großen erzählen kann.

“Odessa ist eine freie Stadt”

Stattdessen berichtet Valentina nun weniger schöne Dinge über Odessa: “Die Basis dafür, was hier passiert ist, ist doch schon lange gelegt.” Sie erzählt, wie in den 90er Jahren Arbeitsplätze verloren gingen, Ärzte und Wissenschaftler anfingen, Klamotten und Nahrungsmittel auf dem Schwarzmarkt zu verticken. Sie erzählt, wie in ihrem Hochhaus jeden Tag für einige Stunden der Strom abgestellt wurde, sodass sie nach der Arbeit länger in der Stadt blieb, um sicher zu gehen, dass Aufzug und Licht wieder funktionieren, bis sie zuhause ankommt. Sie erzählt davon, wie nach dem Fall des Eisernen Vorhangs zwar viele Ausländer hier ihr “Business” machen wollten – aber niemand blieb, um Arbeitsplätze zu schaffen.

Bis heute sei die Stadt erstarrt, der Bürgermeister seit Monaten verschwunden. “Mir tut es leid um die jungen Leute”, sagt sie. “Viele haben so eine gute Ausbildung, aber was sollen sie hier? An den Strand gehen? Als Bedienung arbeiten?”

Poroschenko gilt als guter Manager

Deswegen hält sie die Wahlen am Sonntag für wichtig: “Die Menschen hier müssen doch verstehen, dass jetzt alles von ihnen abhängt. Sie müssen ihre Selbstachtung zurückgewinnen.” Sie selbst werde für Petro Poroschenko stimmen, sagt sie. “Er ist ein guter Manager und international anerkannt.” Das klingt zwar nicht gerade euphorisch, aber sie hält es für wichtig, dass jemand wie er die Ukraine durch die schwierige Zeit führt: “Und wenn es nur für den Moment ist.”

Deniz, der junge Filmemacher, wird nicht zur Wahl gehen. Auf die Frage, warum, grinst er etwas verlegen: “Naja, ich hatte bis vor Kurzem die doppelte Staatsbürgerschaft, einen russischen Pass. Den habe ich jetzt abgegeben, aber noch keinen neuen ukrainischen Pass bekommen.” Aber was sei schon eine Stimme mehr oder weniger? Anders als Valentina ist es schwer vorstellbar, dass Deniz wegen der Ereignisse verzweifelt. “Die Veränderung ist doch nicht mehr aufzuhalten, wir haben alle auf der ganzen Welt so enge Verbindungen zueinander.”

In Deutschland hat er Freunde, hat dort schon Filme gedreht – zum Beispiel einen über Russlanddeutsche. “Die stecken auch zwischen zwei Kulturen, die Leute dort sagen: Das sind Russen. Sie selber aber finden: Wir sind doch Deutsche!” Gerade plant er eine Serie, die er gemeinsam mit Bekannten aus Frankreich und Holland produzieren will. “Das ist es doch, was sich nun langsam ändert in der Ukraine: Die Kunst, der intellektuelle Austausch, das findet mit Europa und mit Russland statt.” Das sei ein Vorteil der Globalisierung.

Gerade die jungen Leute in der Ukraine verstünden das. “Wir Ukrainer sind den Russen eigentlich sehr ähnlich. Nur hatten wir eben keinen Putin. Deswegen ist hier alles offener”, sagt er. Das gelte besonders für Odessa: “Hier haben immer alle möglichen Leute gewohnt: Russen, Deutsche, Ukrainer, Franzosen, Engländer – Odessa ist eine freie Stadt.”

Von Freiheit sprechen auch Ljudmila und der junge Mann vor dem Gewerkschaftshaus: Freiheit, über ihre Zukunft selbst zu bestimmen. In die Wahlen am Sonntag setzen sie keine Hoffnung – “Ach, geht der eine Oligarch, kommt der nächste”, sagt Ljudmila verächtlich. Und die Leute können, so klagt sie, nicht einmal mehr Blumen an den Ort legen, an dem am 2. Mai die prorussischen Demonstranten starben. Denn einen Tag später steht der Bauzaun vor dem ausgebrannten Gebäude, kein Durchkommen mehr. In den Fenstern des Gewerkschaftshauses werkeln Bauarbeiter. Bald wird alles neu sein.

Erschienen auf Süddeutsche.de am 24. Mai 2014.