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Hat der Feminismus die Liebe kaputt gemacht?

Hat der Feminismus die Liebe kaputt gemacht?

Platons Vorstellung vom Menschen als einer unvollständigen Kugel, der sein Leben nach die zweite Hälfte sucht, ist fatal. Das findet Zeit-Chefredakteurin Sabine Rückert - und rät Frauen dazu, sich im Leben lieber auf sich selbst zu verlassen, anstatt der verlorenen Kugel-Hälfte hinterher zu jagen. Das gelte auch im Job: Ein Mentor sei fein, doch letztlich zähle die eigene Leistung. Frau müsse auch aufpassen, niemandem etwas schuldig zu sein. Blödsinn, widerspricht ihre Kollegin Mariam Lau: Sie plädiert für die Gemeinschaft, für die Liebe, für die Teamarbeit, gegen das Alleinsein als Idealzustand.

Der Feminismus macht es niemandem recht

Beides sind spannende und inspirierende Texte, gerade für alle, die noch ein paar Jährchen jünger sind als die Autorinnen. Schade ist nur: Beide geben nebenbei “dem Feminismus” eins mit. Der “gegenwärtige Feminismus”, so schreibt es Sabine Rückert, führe Frauen in einen “dauerhaften Opferstatus”. “Natürlich bin ich nicht selbst schuld, wenn ich vom ‘Sexmob’ angegangen werde. Aber ich bin schuld, wenn ich darüber schweige und den Übergriff nicht anzeige.”, schreibt sie zum Beispiel. Ein ganz anderes Problem hat Mariam Lau mit dem Feminismus: Viele Frauen hätten aus ihm den Schluss gezogen, dass Liebe automatisch Abhängigkeit schaffe.

Beides führt bei mir zu dem Gedanken: Mich dürfte es eigentlich gar nicht geben. Ich glaube an die Liebe. Ich fühle mich nicht als Opfer. Ich bin Feministin. Und ich merke immer wieder, dass ich vom Feminismus eine andere Vorstellung habe als viele seiner Kritikerinnen. Für mich war Feminismus noch nie ein abgeschlossenes Programm, nach dem ich mich zu richten habe, das mich irgendwo hin “führt” – schon gar nicht in einen Opferstatus oder in die Einsamkeit. Er ist kein Befehl, wie ich mein Leben zu leben habe. Sondern die Aufforderung, mich mit der Frage zu beschäftigen: Was ist das eigentlich, Gleichberechtigung - im Job, in der Liebe und überhaupt?

Gleichberechtigung bedeutet nicht, sich selbst zu optimieren

Die Antworten auf diese Frage sind dabei viel zu widersprüchlich, als dass man sie zu einem in sich abgeschlossenen feministischen Programm verdichten könnte. Zum Beispiel teile ich Mariam Laus Abneigung gegenüber Ellenbogen-Mentalität im Job und der Vorstellung vom Büro als Haifischbecken. Und trotzdem hat mir beruflich wenig so geholfen wie die Durchsetzungs-Tipps von Facebook-Geschäftsführerin Sheryl Sandberg, die denen von Sabine Rückert in vielem ähnlich sind. Mariam Laus Rat “Probieren sie das nicht aus”, kann ich deswegen leider nicht unterschreiben.

Viel wichtiger aber ist: Für mich dreht sich Feminismus nicht nur darum, das eigene Leben zu optimieren. Dass ich beruflich einigermaßen erfolgreich bin, in einer gleichberechtigten Beziehung lebe, noch nie Gewalt von einem Partner erfahren habe und auch sonst meistens gut gelaunt bin, ist natürlich fein. Aber mein alleiniger Verdienst ist es nicht. Ich hatte zum Beispiel das Glück, von relativ gut situierten, gebildeten Eltern erzogen worden zu sein, für die meine Bildung und Durchsetzungskraft immer wichtiger war als mein Aussehen oder vermeintlich mädchenhaftes Benehmen. Doch vielen anderen geht es halt nicht so – und die gehen mich als Feministin auch was an.

Das eindimensionale Bild von Frauen als gehorsamen, anschmiegsamen, schönen Geschlecht hält sich, in der Werbung, in Filmen, im Fernsehen. Für eine wie mich, deren Eltern ihr jahrelang Ronja Räubertochter und Pippi Langstrumpf vorgelesen haben (um bei einem Beispiel von Mariam Lau zu bleiben), mag das kein großes Problem sein. Die verkraftet auch Germany’s Next Topmodel. Vielmehr: Für sie ist sogar wichtig, sich auch mit Frauenbildern auseinanderzusetzen, die ihr bei näherer Betrachtung nicht erstrebenswert erscheinen oder schlicht optisch nicht erreichbar sind. Doch das gilt eben nur, solange es alternative Frauenbilder im Angebot gibt. Wenn jedoch schon in der eigenen Familie weibliche Schönheit und Unterordnung mehr gilt als Wissensdurst und Abenteuerlust, muss man sich als Feministin fragen, wo alternative Rollenbilder für Mädchen sonst noch herkommen können.

Wofür wir dem Feminismus dankbar sein sollten

Auch mit dem Anzeigen von sexuellen Übergriffen ist es nicht ganz so leicht, wie es Sabine Rückert suggeriert: Wer nicht anzeigt, ist eben selber schuld und mache es sich in seinem “Opferstatus” bequem. Mit den Gründen beschäftigt sich die feministische Debatte über “rape culture”. Opfer von sexualisierter Gewalt fragen sich zum Beispiel häufig: Wird man mir glauben? Reichen die Beweise? Bringt eine Anzeige überhaupt was, wenn mir ein Fremder zwischen die Beine greift? War das vielleicht meine Schuld? War es überhaupt so schlimm? Darüber öffentlich zu sprechen anstatt es mit sich selbst auszumachen, kann helfen, ein paar Antworten zu finden. Danke dafür, Feminismus.Leichter redet sich in der Debatte um das emanzipierte Frauenleben auch stets, wer weiß, heterosexuell, gesund, gewichtsmäßig im Normalbereich und auch sonst körperlich und seelisch unauffällig ist. Was aber ist mit schwarzen Frauen, mit muslimischen Frauen, mit behinderten Frauen, mit lesbischen Frauen, mit dicken Frauen? Die Auseinandersetzung mit diesen Fragen erschüttert zuweilen das eigene Verständnis von Gleichberechtigung. Zum Beispiel hätte ich bis vor ein paar Jahren gesagt: Kopftuch? Reine Unterdrückung, weg damit! Das ist anders, seit ich auch mal mit Feministinnen gesprochen habe, die Kopftuch tragen.

Checkt eure Privilegien – und diskutiert weiter

Manchmal, auch das gehört zur Wahrheit, trifft eine Feel-Good-Feministin wie ich in diesen Auseinandersetzungen auch auf Wut: Check mal Deine Privilegien! Und ich checke und merke: Ach, stimmt, da sind sie ja. Viel zu häufig sprechen nur solche wie ich für “die Feministinnen” – wie auch jetzt, in diesem Artikel. Eine Bewegung, die sich für Gleichberechtigung einsetzt, leidet also selber unter mangelnder Gleichberechtigung. Schon wieder so ein Widerspruch, der sich nicht von heute auf morgen auflösen lässt.

Diese Auseinandersetzungen sind schmerzhaft – aber nicht so schmerzhaft, wie die Art und Weise, in der sie kommentiert werden: Zickenkrieg, Spaltung, der Feministin schlimmster Feind ist die andere Feministin. Dabei ist das alles Teil der großen Frage vom Anfang: Was macht Gleichberechtigung aus? Bereichernd sind da übrigens nicht nur Beiträge, auf denen groß das Etikett “Feminismus” klebt. Sondern auch solche wie die von Sabine Rückert und Mariam Lau. Anstatt sich also schwarz zu ärgern, weil “der Feminismus” in beiden Texten wieder mal eins auf die Rübe kriegt: Lasst uns bitte weiter über Liebe reden! Über Erfolg! Über Einsamkeit, Zweisamkeit, Dreisamkeit! Über alles!

Erschienen auf Süddeutsche.de am 27. Februar 2016.