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Heimatsuche in der großen Stadt

Heimatsuche in der großen Stadt

“Hängt Euch doch am nächsten Baum auf!” In Berlin artet ein Nachbarschaftsstreit um zu lautes Feiern mal wieder in einer Grundsatzdebatte aus. Das sagt viel über das Heimatbedürfnis der Berliner aus.

Zettel sind in Berlin eine Kunstform. “Huhu, wir planen hier eine Hausgeburt, könnte ein bisschen lauter werden” oder “Piss hier noch einmal hin und ich scheiß’ Dir in die Fresse” – solche Notizen finden sich in Hausfluren, an Laternenpfählen, Türen und Briefkästen und schaffen es von dort regelmäßig auf das wundervolle Blog “Notes of Berlin“. Was die Berliner machen, was sie bewegt – ein paar Klicks, Sie wissen alles.

Lärm ist nicht nur ein Thema, wenn es um Hausgeburten geht. Das zeigt die “Zettelschlacht um die Kulturbrauerei“, die erst den Weg in die an Absonderlichkeiten gewohnten Berliner Lokalmedien und dann auch in deutschlandweite Medien schaffte. Der Auslöser: Am letzten verbliebenen Partyzentrum im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg, der Kulturbrauerei, war eine detaillierte Anleitung zum Vorgehen gegen Ruhestörung aufgetaucht (“Ruft den Polizeiabschnitt 15 an!”).

Dem anonymen Autor schlug in den sozialen Medien große Empörung entgegen (“Zieh doch woanders hin”, “Scheiß Schwaben”, “Hängt euch doch bitte einfach am nächsten Baum auf”). Eine ebenfalls anonyme Anwohnerin ergriff daraufhin mit einer weiteren Notiz an der Kulturbrauerei Partei für den lärmempfindlichen Nachbarn: Die “Ureinwohner” sollten doch froh sein, dass die Zugezogenen “Verantwortung übernommen haben und ‘eurem’ Kiez wieder auf die Sprünge halfen”.

“Es ist eine Auseinandersetzung um Heimat”

Wie immer in Berlin ist nicht ganz klar, was echt und was Satire ist. Doch es gibt genügend Berliner, die den Zettelkrieg bitterernst nehmen. Aus dem Streit über nächtlichen Lärm wurde eine Grundsatzdebatte darüber, wie ein lebenswerter Kiez aussieht – und wer definiert, was lebenswert ist in einer Stadt, zu deren Selbstverständnis es lange gehörte, dass jeder sein Plätzchen findet.

“Es ist eine Auseinandersetzung um Heimat”, sagt die Heimatforscherin Beate Mitzscherlich. Vergleichbar etwa mit den Auseinandersetzungen, wenn in ein Dorf Menschen ziehen, die von den Ureinwohnern misstrauisch beäugt werden, weil sie den Rasen anders trimmen. Vergleichbar auch mit der Ablehnung, die Flüchtlinge und andere Migranten in einem fremden Land erleben. Doch wer ist in einer Großstadt wie Berlin eigentlich alteingesessen, wer Eindringling?

“Das Konzept, dass man auch nach drei Generationen noch als zugezogen gilt, mag es heute vielleicht in Dörfern noch geben. In Städten wie Berlin funktioniert es nicht”, sagt Mitzscherlich. Denn hierher seien immer Menschen mit unterschiedlichsten Wünschen und Vorstellungen vom Zusammenleben gezogen, vom westdeutschen Dorf-Punk über den Verwaltungsbeamten bis hin zum Flüchtling. Und sie alle wollen auch ihren neuen Wohnort zu ihrer neuen Heimat machen. Theoretisch gern miteinander, in der Praxis häufig gegeneinander.

Der “Schwabe”: grotesk überzeichnetes Feindbild

Der “Schwabe” ist dabei ein Feindbild, auf das sich fast alle einigen können – auch, weil es so aufgeladen und grotesk überzeichnet ist, dass sich niemand mehr in ihm wiedererkennt. Er ist in Berlin nicht einfach ein Mensch aus Baden-Württemberg. Sondern ein Zugezogener aus Westdeutschland, der mit seinem ererbten Geld Wohnungen in Berliner Kiezen kauft, seine blonden Kinder verzieht, aus jedem Späti einen Bioladen und aus jedem Second-Hand-Laden einen Shop für nachhaltige Funktionskleidung macht und die Nachbarn über die Kehrwoche belehrt.

Die Realität ist natürlich komplizierter. Da gibt es Herkunftsschwaben, die seit Jahrzehnten einen alternativen Lifestyle führen und sich als Urberliner sehen. Es gibt Urberliner, die keinen Bock auf Bierflaschenscherben und Erbrochenes in ihrem Hauseingang haben, Migranten, die den Zuzug anderer Migranten misstrauisch beäugen und DJs, die unter der Woche mit Kind und Latte Macchiatto auf dem Spielplatz rumhängen sowie einen Haufen stinknormaler Leute, die nie jemandem auffallen und über die auch keiner redet. Gemeinsam ist ihnen nur eins: Dass sie es nicht mögen, wenn sich etwas verändert.

Warum Zugezogene Veränderung ablehnen

Das gilt für Zugezogene häufig noch mehr als für Urberliner. “Jeder Mensch, der irgendwo neu ankommt, sucht sich Fixpunkte, zu Beginn häufig in der eigenen Nachbarschaft: mein Friseur, mein Bäcker, mein Café”, erklärt das Beate Mitzscherlich. Mit der Zeit verbinde er mit den Orten Geschichten. So wird ein Ort zur Heimat. Dass diese Fixpunkte gerade in einer Großstadt wieder verschwinden, gehöre zwar dazu – “doch wenn plötzlich meine Lieblingskneipe weg ist, bin ich trotzdem wieder entwurzelt.”Auf ZDF Neo lief kürzlich die Anti-Gentrifizierungsserie “Tempel”, in der ein Altenpfleger und Ex-Gangster gegen Verdrängung in den Krieg zieht. An einer Stelle sagt ein abgehalfterter Puff-und Boxclub-Besitzer über die “Yoga-Fotzen” und das ganze “Yuppie-Pack”: “Die sind drei Tage hier, dann sagen sie ‘mein Kiez’, dann machen sie Anwohner-Initiativen, dass sich bloß nichts verändert.” Dabei seien sie selbst die “beschissene Veränderung”: “Ficken und Koksen nur noch an Feiertagen. Kann doch keine Sau von leben!” Als Zuschauer bekommt man da augenblicklich ein schlechtes Gewissen, weil man zwar keine Anwohnerinitiative gegründet hat, aber auch nicht fickt oder kokst, sondern auf dem Sofa liegt und ZDF Neo guckt. Und tatsächlich am liebsten möchte, dass alles so bleibt, wie es gerade ist.

Wann Heimatsuche Konjunktur hat

Weil das in einer Stadt wie Berlin nie klappt, wird man wehmütig. Unter den Zugezogenen erklärt jeder die Zeit zur allerbesten, in der er selbst nach Berlin gekommen ist. Die einen erinnern sich wehmütig an das Anarcho-Kreuzberg der 80er Jahre, die nächsten an die Künstlerszene der Wende-Zeit, wieder andere an die Techno-Partys der 90er – und das Berghain ist auch nicht mehr das, was es 2005 war. Aber warum möchte jemand, der nicht selten der Enge der alten Heimat entflohen ist, eine neue Heimat haben, in der sich nichts ändert?

Wie stark ausgeprägt das Bedürfnis nach Heimat ist, unterliegt Beate Mitzscherlich zufolge Schwankungen. Nach dem Zweiten Weltkrieg habe es in Deutschland eine Rückbesinnung auf romantische Heimatvorstellungen gegeben, die sich in entsprechenden Filmen niederschlug. Wenig später, zu Zeiten der 68er, fanden progressive Menschen dies rückständig und piefig, um sich wenig später angesichts von Umweltverschmutzung und Atom-Angst wieder der Heimat zuzuwenden. Dann kam der Fall des Eisernen Vorhangs mit all der neuen Freiheit, die Welt war die Heimat.

 Und heute? “Der Zwang zur Mobilität ist für viele Menschen psychisch und physisch eine Überforderung”, sagt sie. Globalisierung, Terror, Flüchtlingsbewegungen – “seit dem 11. September 2001 nimmt die Verunsicherung zu”. Und mit ihr die Suche nach der Heimat. Menschen wollten nicht mehr nur irgendwo wohnen, sondern dort auch eine Rolle spielen, die Regeln mitbestimmen und sich so heimisch fühlen.

Ästhetische Ruralisierung der Stadtzentren

Aber muss man dazu gleich abgerockte Viertel in westdeutsche Mini-Dörfer verwandeln, mit putzig dekorierten Cafés und Läden mit regionalen Produkten? So lautet der Vorwurf an diejenigen Anwohner der Kulturbrauerei, die nachts lieber schlafen als feiern. Und tatsächlich, Prenzlauer Berg sieht nicht mehr so aus wie vor 15 Jahren. So wie viele Innenstadtteile in Deutschland. Von einer “ästhetischen Ruralisierung der Stadtzentren” schreibt etwa Niklas Maak, Architekturkritiker der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Lobend ist das nicht gemeint.

Die Verursacher dieser Ästhetik fühlen sich dennoch ungerecht behandelt. “Sie finden: Wir haben es hier doch schön gemacht”, sagt Beate Mitzscherlich, “und wollen dafür Anerkennung.” Stattdessen erfahren sie Ablehnung von denen, die ganz andere Vorstellungen von “schön” haben. Sie fragen: Warum soll deren Bedürfnis nach Feiern mehr wert sein als meines nach Ruhe?

Und erstmal ist es ja nicht schlimm, wenn einer lieber Cupcakes mit rosa Häubchen mag als Dosenbier, lieber zur Yoga-Stunde geht als in den Boxclub. Wenn denn tatsächlich noch Platz für alle da wäre. Schlimm ist es nämlich, wenn es in einer Stadt immer weniger Orte gibt, an denen jemand, der wenig oder kein Geld hat, überhaupt sein kann. Beate Mitzscherlich sagt: “Eigentlich geht es um Verteilungsfragen.” Wem gehört die Stadt? Nämlich demjenigen, der die höchste Miete bezahlen, sich die Eigentumswohnung leisten kann.

Ein Schwabe ist einfacher zu finden als ein anonymer Investor

Wobei das auch nur vordergründig die richtige Antwort ist. Für die, die wirklich für die verrückten Entwicklungen in den Berliner Innenstadtvierteln verantwortlich sind, ist das, was ein Prenzlauer-Berg-Schwabe für seine Altbauwohnung bezahlt hat, maximal ein Fall für die Kaffeekasse. Die, die die Preise immer weiter in die Höhe treiben, sind längst internationale Briefkastenfirmen, die sich die Häuser zuschieben. So schnell, dass viele Berliner Mieter gar nicht aufzählen können, wie oft in den vergangenen Jahren ihr Vermieter gewechselt hat.

In der Serie “Tempel” mauern böse anonyme Investoren, denen es um die Maximierung ihres Profits geht, alten Frauen die Fenster zu, verprügeln Rollstuhlfahrerinnen in der eigenen Wohnung. Das ist in Berlin leider näher an der Realität als man sich das wünschen würde.

“Dafür können wir doch nichts!”, sagen da die Berliner Besserverdiener, die, nur weil sie sich zwölf Euro Kaltmiete pro Quadratmeter leisten können, noch lange keine Reichtümer besitzen. Es gibt kein richtiges Leben im falschen, kann man da antworten. Wer immer höhere Mieten bezahlt, zu Wohnungsbesichtigungen ungefragt Einkommensnachweise mitbringt, der ist Teil des Problems all jener, die keine Einkommensnachweise haben. Aber was soll man machen, wenn nunmal alle Berliner Mietshäuser im falschen Leben stehen? Wer darüber länger nachdenkt, wird so deprimiert, dass ein vermeintlicher oder echter Schwabe, der sich über Party-Lärm beschwert, eine willkommene Abwechslung ist.

Erschienen auf Süddeutsche.de am 19. Juli 2017.