Hannah_Beitzer_ArbeitArtikel_Fuellbild10

Macht doch auch mal was!

Macht doch auch mal was!

Sofia, Rio, Istanbul, Madrid – auf der ganzen Welt gehen junge Menschen auf die Straße. Nur die Deutschen bleiben in Zeiten von Wirtschaftskrise und Prism lieber zuhause. Oder im Büro. Geht es ihnen einfach zu gut? Oder gibt es andere Gründe für dieses wenig revolutionäre Verhalten?

Wie aufregend sind doch die Revolutionen der anderen! In rasender Geschwindigkeit verbreiten sich die Bilder protestierender Brasilianer im deutschsprachigen Netz, laut wird die internationale Solidarität beschworen und die Fifa zum Teufel gewünscht. Ebenso vor einiger Zeit #occupygezi – der stehende Mann, Wahnsinn! Die Frau im roten Kleid, wie schön! Und erst der Klavierspieler vom Taksim-Platz! Und dann auch noch Parlamentsgebäude besetzen und Mauern niederreißen in Sofia, gegen Korruption, für Europa!

Mutige Bürger, die ihr gegen einen übermächtigen Staat auf die Straße geht, euch gehört die Sympathie junger Deutscher, vorbehaltlos und radikal.

Im Gegensatz dazu ist das, was auf deutschen Straßen in Sachen Jugendprotest passiert, nicht der Rede wert. Die letzten einigermaßen spektakulären Demonstrationen gelangen der Jugend im Widerstand gegen das Urheberrechtsabkommen Acta vor mehr als einem Jahr. Und da war natürlich noch das deutsche Occupy. Um ein Haar hätte sich eine Bewegung gebildet, die mit neuen Protestformen gegen die Dominanz von Banken und Konzernen vorgehen wollte. Aber dazu kam es nicht, die Euphorie verpuffte. Und wo sind die Jungen jetzt? Jedenfalls nicht auf der Straße. Die basteln doch höchstens mal ein Online-Petitiönchen, murren protesterfahrene Ältere. Bekommen ihren Hintern aber nicht hoch vom Schreibtischstuhl.

Einiges spricht für die These von der unengagierten Jugend: In den zivilgesellschaftlichen Initiativen à la Stuttgart 21 sind die Jüngeren unterrepräsentiert. Zwei Drittel der Protestierenden in Stuttgart sind Studien zufolge älter als 46 Jahre. In der Tat waren es vor allem grauhaarige Senioren, die Medien und Öffentlichkeit im Streit um den Stuttgarter Bahnhof faszinierten. Seitdem die Occupy-Euphorie verraucht und die Erfolge der Piratenpartei verpufft sind, schleicht sich so das Vorurteil von der unpolitischen deutschen Jugend wieder klammheimlich zurück in die Köpfe der Menschen.

Geht es den jungen Deutschen zu gut?

Aber ist das so? Geht es den jungen Deutschen tatsächlich einfach noch zu gut für eine echte Revolte, so dass sie weiterhin brav ins Büro tappen, anstatt geschlossen auf die Straße zu marschieren? Immerhin ist die Jugendarbeitslosigkeit im europäischen Vergleich hierzulande beinahe erträglich zu nennen, der Bildungsstandard höher denn je. Doch auf der anderen Seite haben auch die Deutschen Probleme. Die Jungen haben zum Beispiel häufiger als jede andere Altersgruppe nur befristete Arbeitsverträge. An eine sichere Rente glauben sie schon seit ihrer Schulzeit nicht mehr. Stattdessen werden sie die Schulden ihrer Elterngeneration erben.

Doch wie reagieren die Jungen darauf? Grundsätzlich unpolitisch sind sie jedenfalls nicht. “Ich fühle mich so als würde die Generation meiner Eltern gerade eine riesige Party schmeißen und wir dürften anschließend aufräumen und die Rechnung zahlen”, klagte etwa Katharina Nocun, politische Geschäftsführerin der Piratenpartei, erst kürzlich in einem Blogeintrag, den Angehörige ihrer enttäuschten Generation tagelang durch die sozialen Netzwerke jagten. Beiträge wie diese gibt es viele, die Jungen tauschen sich rege im Netz über Politik und Gesellschaft aus, organisieren kreative Aktionen, schicken (selbst-)ironische Videos und Bilder an ihre Freunde, diskutieren über die Krise, Feminismus, über den digitalen Wandel und zuletzt Prism.

Wut im Netz

Deutlich wird dabei: Sie sind unzufrieden mit der Politik, wie sie derzeit läuft. Eine Umfrage im Auftrag von Zeit Online zeigt, dass 43 Prozent der Deutschen zwischen 25 und 34 Jahren bezweifeln, dass man in Deutschland offen seine Meinung sagen könne – so viele wie in keiner anderen Altersgruppe. Die Jungen sind also keinesfalls unpolitisch, sondern, ganz im Gegenteil, wütend.

Aber warum tippen sie ihre Wut in die Tastaturen anstatt sich vor den Reichstag zu stellen (so nah es die Bannmeile zulässt) und sie den Mächtigen ins Gesicht zu brüllen?

Natürlich ist zum einen politisches Engagement im Netz nicht per se weniger wert als auf der Straße. Erfolgreicher Protest ist nicht automatisch untrennbar mit klassischen Protestformen wie Demonstrationen verbunden ist. Welch eine Wucht eine Netzdebatte entwickeln kann, hat zuletzt die preisgekrönte Anti-Sexismus-Kampagne #Aufschrei bewiesen.

Noch Monate nachdem junge Frauen unter diesem Sammelbegriff auf sexuelle Belästigung im Alltag aufmerksam machten, liefern sich Gegner und Befürworter im Netz wilde Redeschlachten. Und nicht nur das: Auch die etablierten Medien griffen das Thema nach dem Erfolg des Twitter-Hashtags bereitwillig auf, räumten den Protagonistinnen Platz auf den vorderen Seiten, zur besten Sendezeit ein. Die Kampagne hatte die Grenzen des Netzes schnell hinter sich gelassen.

Hätte #Aufschrei zum Beispiel mehr Erfolg gehabt, wenn sich die Aktivistinnen mit Schildern vor irgendeine Parteizentrale gestellt hätten? Wohl kaum. Aber dennoch, häufig fehlt es an jenem kleinen Funken, der aus einer diffusen Unzufriedenheit eine zielgerichtete Aktion macht, die die Aufmerksamkeitsschwelle auch tatsächlich übertritt. Bestes Beispiel dafür ist Prism: Der Überwachungsskandal ist seit Wochen im Netz ein Riesenthema. Zu den jüngsten Demonstrationen kamen dann aber nur einige Tausend Menschen.

Diffuses Unbehagen statt Protest

Doch woran liegt es, dass die Empörung diffus bleibt, die Wut ungehört verraucht? Das hat erstens mit einer fatalen Kombination zu tun, die die Situation der Jungen auszeichnet: Sie leben eine halbwegs erträgliche Gegenwart, haben jedoch ständig eine unsichere Zukunft vor sich. Immerhin haben die Jungen in Deutschland im Gegensatz zu ihren Altersgenossen in Spanien und Griechenland noch Büros, in die sie tappen können. Gerade angesichts der Dramen, die sich in den Nachbarländern abspielen, wird den Berufseinsteigern hierzulande umso schmerzlicher bewusst, dass es ihnen eigentlich ganz gut geht.Aber es scheint keinesfalls sicher, dass es ihnen auch in Zukunft gut gehen wird. Wer weiß schon, ob die Euro-Krise Deutschland nicht doch noch erwischt? Der eigene Arbeitsplatz nicht in ein paar Monaten weggespart werden muss? Der Vertrag nicht verlängert wird? Der relative Wohlstand nicht bloß geborgt ist?

Angesichts dieser Gemengelage halten viele doch lieber still, anstatt an Ort und Stelle radikal aufzubegehren. Die Angst vor Statusverlust, so heißt es, treibe viele Junge um. Deswegen, so kann man es in zahlreichen Jugendstudien lesen, die in verlässlicher Regelmäßigkeit die Medien überschwemmen, hängen sie klassisch bürgerlichen Werten an, wie eine Studie der Forschungsgruppe Wahlen kürzlich ergab. 95 Prozent der unter 30-Jährigen hielten demnach “Respekt” für etwas Gutes, 91 Prozent empfinden Stabilität als positiv. Was so ungefähr das Gegenteil von Revolte im klassischen Sinn ist.

Neoliberalismus aus Notwehr

Sie hoffen, dass sie durch persönliche Leistung, durch Ehrgeiz und Disziplin, in einer chaotischen Welt wie dieser bestehen können, heißt es wiederum in der Shell-Jugendstudie. Eine Hoffnung übrigens, die sicher auch aus einem immer mehr auf Marktkompatibilität ausgerichteten Bildungssytem herrührt. Vom G8 bis hin zur Bologna-Reform geht es schließlich in der Bildungspolitik schon seit Jahren hauptsächlich darum, junge Menschen an die Bedürfnisse der Wirtschaft anzupassen.

84 Prozent der Jüngeren, so ergab es auch die Studie der Forschungsgruppe Wahlen, wollen zum Beispiel staatliche Unterstützung nur denen gewähren, die bereit sind, etwas zu leisten. So verfallen die Jungen in altbekannte neoliberale Denkmuster. Allerdings nicht unbedingt aus Überzeugung, sondern aus Notwehr – jedenfalls interpretieren die Autoren der Shell-Jugendstudie deren Ergebnisse so. Europa geht vor die Hunde – aber wenigstens ich will für mich persönlich das Risiko minimieren, so ist das Credo.

Doch die Sehnsucht nach Stabilität und persönlichem Wohlstand ist nicht das einzige, was die Jungen von der Straße fernhält. Mit dem rebellischen Pathos vergangener Aufstände lässt sich der Wirtschaftskrise hierzulande schlicht nicht begegnen. Denn dieses speiste sich für gewöhnlich aus einer reichlich simplen Bipolarität – Kommunismus oder Kapitalismus, links oder rechts, progressiv oder konservativ, Krieg oder Frieden. Wir gegen die, die gegen uns.

Mit diesen einfachen Konfliktlinien ist es aber spätestens seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion vorbei. Als die heute 30-Jährigen noch Kinder waren, scheiterte der Sozialismus krachend auf großer Bühne. Und dann erlebte die junge Generation nach der Jahrtausendwende auch noch, wie der Kapitalismus entgegen aller Heilsversprechungen ihren Kontinent an den Abgrund trieb – eine Katastrophe, die zuallererst die Jungen ausbaden müssen. Damit taugen beide großen Utopien des 20. Jahrhunderts nicht mehr so recht als Modelle für ein lebenswertes Gesellschaftssystem.

Die Situation junger Menschen in den Krisenländern ist freilich eine andere als die in Deutschland – denn für sie ist das, was die Deutschen fürchten, schon längst Realität. Wo die Jugendarbeitslosigkeit bei fast 60 Prozent liegt, reicht die Masse junger Menschen auf der Straße, um zu zeigen: Seht her, wir sind jung, wir wollen arbeiten, wir wollen leben, wir wollen eine Zukunft planen. Und wir können nicht, weil ihr uns mit Eurer verfehlten Politik in die Krise geritten, uns die Zukunft geklaut habt.

“Weg mit dem Euro”? Irgendwie seltsam

Anders in Deutschland. Schon erwähnte Jugendstudien zeigen, dass junge Deutsche sich lieber punktuell und pragmatisch engagieren, anstatt “Kapitalismus raus aus den Köpfen” auf ein Plakat zu pinseln. Denn da bleibt schließlich immer noch die Frage: Was soll denn stattdessen rein in die Köpfe? Neue Utopien sind nicht in Sicht.

Und so waren zwar die Bildungsproteste des vergangenen Jahrzehnts üppig besucht, auch gegen Acta gingen viele auf die Straße. Demonstrationen im Zusammenhang mit der Wirtschaftskrise sind jedoch nach dem kurzen Occupy-Fieber in Deutschland eher mäßig erfolgreich.

Denn was sollten die Jungen auf ihre Plakate schreiben? “Weg mit dem Euro?” Das wäre irgendwie seltsam für eine Generation, die die D-Mark nur noch als Taschengeld kennt. “Weg mit dem ESM?” Das hieße dann ja letztlich erst einmal: kein Geld für Griechen, Spanier und Co – und wäre damit gefährlich nah an jenem Nationalismus, den Deutschland überwunden glaubte. Und der auch gar nicht passen will zu einer Generation, für die Auslandssemester in Madrid, Rio und China selbstverständlich sind.

“Weg mit Merkel” wäre wohl auch noch naheliegend. Aber was käme danach? Eben irgendein anderer Vertreter irgendeiner anderen großen Partei. Und denen misstrauen junge Menschen, ganz egal, ob sie zur CDU oder SPD gehören. Nur 15Prozent der Jungen, das zeigen Umfragen, fühlen sich überhaupt von der etablierten Politik verstanden. Oder doch schlicht: “Scheiß-Krise”? Aber da würde ihnen ja nicht mal Merkel widersprechen!

In Deutschland halten die Jungen noch einen kleinen Zipfel Zukunft in den Händen. Um ihr Verhältnis zur Krise mit einer auf Facebook gebräuchlichen Beschreibung des Beziehungsstatus zusammenzufassen: Es ist kompliziert. Zu kompliziert für eine neue, große Protestbewegung. Jedenfalls noch.

Erschienen auf Süddeutsche.de am 2. August 2013.