Meine Schwester, Europa und ich

Meine Schwester, Europa und ich

Als am 1. Januar 2002 um kurz nach Mitternacht Europa nach Dinkelsbühl kam, war das ein Fest. Auf dem Marktplatz der kleinen Stadt böllerten die Dinkelsbühler Raketen in die Luft. Und in der Filiale der Volksbank kam zum ersten Mal dieses neue Geld aus dem Automaten: der Euro. In der beliebtesten Tanzkneipe der Stadt konnte man in dieser Silvesternacht ein erstes und letztes Mal mit D-Mark und Euro bezahlen.

Ich war damals 19 Jahre, stand kurz vor dem Abitur und wollte nichts wie raus in die Welt. Wenig später fing ich an, Sprachen, Wirtschafts- und Kulturraumstudien mit Schwerpunkt Ostmitteleuropa zu studieren – was Internationales halt, mit Sprachen und so. Ich sagte damals gerne Dinge wie: “Ich seh’ mich eher als Europäerin, und nicht als Deutsche.” Vor allem, wenn ich mit Leuten aus anderen Ländern sprach. Die meisten meiner Studienfreunde sahen das ähnlich. Deutschland kam uns miefig und piefig und eng vor. “Typisch deutsch” war damals kein Kompliment, sondern eine Abwertung. Europa hingegen war etwas, an das wir glaubten.

Im Vordergrund stand für uns – anders als für ältere Generationen – nicht mehr so sehr die Vermeidung von Krieg und Konflikten innerhalb Europas. Krieg war für uns, die wir uns nur dunkel an den Zusammenbruch der Sowjetunion und das Ende des Ost-West-Konflikts erinnern konnten, ohnehin sehr weit weg. Es ging uns mehr um ein kulturelles Zusammenwachsen, das uns ganz natürlich vorkam.

Wenn ich heute meine kleine Schwester frage, was sie fühlt, wenn sie an Europa denkt, dann schaut sie mich an, als hätte ich sie gefragt: Was fühlst Du so beim Zähneputzen? “Naja”, sagt sie und macht eine lange Pause. “Das ist eben der Ort, an dem wir leben.” Europa, das ist für sie einfach Realität, nicht mehr und nicht weniger. Sie kann sich nicht mehr wirklich an die D-Mark erinnern, vielleicht noch ein bisschen daran, wie es war, in Italien mit Lira Eis zu kaufen, aber das war’s dann auch schon. Umso präsenter sind jedoch andere Dinge: Euro-Krise, Griechenland, Jugendarbeitslosigkeit. “Da mach’ ich mir schon Sorgen”, sagt sie. Das ist so ungefähr das Gegenteil des romantischen Europa-Bildes, mit dem ich aufgewachsen bin.

Europa ist nicht mehr “in”

Das alles wäre jetzt völlig uninteressant, wenn es nur meiner Schwester, 22 Jahre, und mir, 31 Jahre, so gehen würde. Doch wir liegen damit in unseren jeweiligen Altersklassen ziemlich im Durchschnitt. Das bestätigt ein Blick in die Shell-Jugendstudie. In der Studie aus dem Jahr 2002 – als mein Jahrgang zu den Befragten zwischen zwölf und 25 Jahren gehörte – fand noch über die Hälfte der Jugendlichen, dass ein europäischer Gesamtstaat eine wünschenswerte Zukunftsperspektive sei.

62 Prozent aller Befragten hatten damals sogar angegeben, dass Europa unter Jugendlichen “in” sei. Das fanden die Forscher überraschend, denn sonst nannten die Befragten eher Dinge wie “tolles Aussehen”, “Markenkleidung tragen”, “neue Technik” und “Karriere machen”. Heute ist das anders, sagt Klaus Hurrelmann, der seit 2002 die Shell-Jugendstudie leitet. “Die Zurückhaltung der Gesamtbevölkerung gegenüber Europa spiegelt sich auch in der Jugend wieder”, sagt er. “Die Eurokrise hat den Jugendlichen sehr zu denken gegeben.”

Das bestätigt eine Umfrage des Bankenverbands aus dem Jahr 2012. Die Krise ist demnach bei den Jungen sehr präsent. Fast alle Befragten wissen von ihr, mehr als die Hälfte glaubt, dass der Euro langfristig keinen Erfolg haben wird. 54 Prozent von ihnen sind gegen die Rettung verschuldeter Euro-Staaten. Die Einstellung zur Europäischen Union insgesamt ist durchwachsen. Ungefähr die Hälfte der befragten Jugendlichen beurteilt sie eher positiv, die andere Hälfte eher negativ. Der Bankenverband war durchaus überrascht von den Ergebnissen: Wie kann es sein, dass eine Generation, die sich an die D-Mark gar nicht mehr erinnern kann, nicht an die Zukunft des Euro glaubt?

Auch die Politik fürchtet eine “verlorene Generation” – also junge Leute, die bei Europa nur noch an Arbeitslosigkeit und Schulden, nicht mehr an Frieden, Solidarität und kulturelles Zusammenwachsen denken. Parteien, Stiftungen und Austauschorganisationen tun allerhand dafür, dass Europa wieder “in” wird. Gerade jetzt zur Europawahl, an der sich Jungwähler tendenziell noch weniger beteiligen als ältere.

“Eine gemeinsame Währung ist ja total sinnvoll”

Die deutschen Goethe-Institute haben eine Umfrage zur europäischen Kultur gestartet. Was macht Europa aus, wie erleben Jugendliche den gemeinsamen Kulturraum? In welcher Sprache hört sich “Ich liebe Dich” am schönsten an? In welchem Land wollen junge Europäer am liebsten leben? Die Ergebnisse sollen hinterher von Jugendlichen in Workshops künstlerisch verarbeitet werden. Der deutsche Bundestag bittet Jugendliche, ihre Europa-Ideen einzuschicken – und lockt mit einer Reise nach Berlin. Die Stadt München wirbt auf von Studenten designten Plakaten damit, bei der Europawahl ”mitzumischen”.

Europa soll also für die junge Generation wieder mehr sein als nur die Krise. Ein gemeinsamer Kulturraum, eine Perspektive. Cool eben. Als ich aber meiner Schwester erzähle, dass ich früher keine Deutsche, sondern Europäerin sein wollte, lacht sie. “Warum das denn?” Dabei steht sie Europa nicht grundsätzlich negativ gegenüber. “Eine gemeinsame Währung ist ja total sinnvoll”, sagt sie zum Beispiel. Und auch, dass man einfach überall hinfahren kann. Anders als viele ihrer Altersgenossen findet sie es auch gut, schwächelnde Staaten in der Krise zu unterstützen.

Eines aber ist ihr wichtig: “Ich finde es trotzdem gut, wenn jeder auch seine eigene Kultur behält.” Jugendforscher Hurrelmann spricht hier von einer “Renationalisierung der Identitäten”. “Die Menschen orientieren sich wieder mehr in Richtung Nationalstaat”, sagt er. Insgesamt seien die Jungen immer noch europafreundlicher als die ältere Bevölkerung – doch im Vergleich zu früheren Generationen sei die Euphorie weniger stark. In der Umfrage des Bankenverbands geben nur acht Prozent der Jugendlichen an, sich als Europäer zu fühlen. 35 Prozent sagen immerhin: beides. Die Mehrheit aber – 56 Prozent – fühlt sich in erster Linie deutsch.

Lieber mal ein paar konkrete Themen!

Aber wie kann man nun dieser Generation die europäische Idee vermitteln? “Wer Jugendlichen klar machen will, warum sie sich für Europa interessieren sollen, muss ihnen handfeste Vorteile nennen”, sagt Hurrelmann. Also statt allgemeiner “Europa ist cool”-Slogans lieber konkrete Themen. IT-Sicherheit zum Beispiel, oder eben die Reisefreiheit. Die wird übrigens auch heute von den meisten Jugendlichen als größter Vorteil der europäischen Einigung genannt – von meiner Schwester ja auch.

“Die Jungen sind heute sehr pragmatisch, nicht ideologisch”, sagt Hurrelmann weiter. “Das ist eine sehr realitätsorientierte und reaktionsschnelle Generation.” Sie habe erfahren, dass der Euroraum sehr unterschiedlich entwickelt sei und dass das zu Problemen führen kann. Und verhalte sich entsprechend. Wenn sich die Situation entspanne, könne es gut sein, dass sich die Einstellung zu Europa wieder ändere.

Aber verkommt die europäische Idee so nicht zu einer Art Kosten-Nutzen-Rechnung? Hurrelmann findet: Anstatt von den Jungen zu erwarten, dass sie das romantische Europa-Bild älterer Generationen übernehmen, sollten lieber wir Älteren uns einiges von Menschen wie meiner Schwester abschauen “Alle die, die mit zu träumerischen Vorstellungen an Europa herangegangen sind, sind immerhin sehr enttäuscht worden”, sagt der Jugendforscher.

Eine pragmatische Haltung sei in der jetzigen Situation vielleicht angemessener, das könnte man von den Jungen lernen. “Es lohnt sich immer wieder, von jungen Menschen Tendenzen aufzunehmen”, sagt Hurrelmann. Denn sie sind auch dann häufig Trendsetter, wenn sie – wie es der Generation meiner Schwester vorgeworfen wird – nüchtern, vernünftig und pragmatisch auftreten anstatt idealistisch und euphorisch.