Mütter an der Front

Mütter an der Front

Frauen kriegen sich oft in die Haare, wenn es um Kinder und Erziehung geht, heißt es. Dabei ist Streit oft hilfreich und nicht gleich ein “Mommy War”.

Ein Nachmittag im Eiscafé mit der anderthalb Jahre alten Tochter. Auf dem Tisch steht ein Teller Spaghetti-Eis mit zwei Löffeln. Am Tisch gegenüber sitzt eine Frau, auf ihrem Schoß ein Kind, etwa so alt wie das eigene. Das andere Kind trinkt aus der Brust seiner Mutter. Erster Gedanke: Oh, die stillt immer noch! Allerdings gar nicht so unwahrscheinlich, dass die Mutter am Nebentisch in diesem Moment auch irgendetwas denkt. Vielleicht: Eis in dem Alter, muss das sein?

Menschen urteilen übereinander. Jeden Tag, in Sekundenschnelle, ein Blick, eine Einschätzung, ganz normal. Auch Mütter tun das. Nicht immer behalten sie diese Urteile für sich. Es gibt Mütter, die einem ihren überlegenen Erziehungsstil schon unter die Nase reiben, kaum haben sie die Türschwelle zur Krabbelgruppe überschritten. Es gibt Mütter, die lästern, weil eine andere das Baby mit dem Fläschchen füttert. Oder das zweijährige Kind stillt. Es gibt blöde Mütter. So wie es blöde Kollegen, blöde Chefinnen, blöde Autoverkäufer gibt. Und es gibt Streit unter Müttern, wie es auch Streit unter Kollegen, mit der Chefin oder mit dem Autoverkäufer gibt.

Streit ist normal, wo Menschen aufeinandertreffen. Geht es um Mütter, dann muss es allerdings ein bisschen mehr sein. Streit? Ach was! Ein Krieg ist das! Um die richtige Ernährung, die richtige Erziehung, die richtige Kinderbetreuung. Die sogenannten Mommy Wars – zu Deutsch also: Mutti-Kriege – sind ein Debattengespenst, das seit Jahren durch Zeitungen, Blogeinträge und Diskussionsveranstaltungen geistert. Dabei gibt es durchaus Hinweise darauf, dass die mediale Präsenz des Themas das tatsächliche Vorkommen bei Weitem übersteigt. Zum Beispiel hat die US-amerikanische Zeitschrift Parents schon vor einigen Jahren ihre Leserinnen befragt, ob es ihrer Meinung nach Mommy Wars gibt. 63 Prozent bejahten das. Auf die Frage, ob sie sie selbst erlebt haben, antworteten allerdings nur noch 29 Prozent mit Ja.

Es ist das alte Bild von Frauen als hormongesteuerten Wesen, die sich nicht im Griff haben

In Deutschland diente zuletzt eine Forsa-Umfrage als Beleg, wie sehr sich Mütter gegenseitig das Leben schwer machten. Demnach sagten 77 Prozent der Befragten, sie seien schon einmal für den Umgang mit ihrem Kind kritisiert worden. Nur: Die Fragestellung umfasste nicht nur Kritik von Müttern an Müttern. Sondern jeden negativen Kommentar, egal ob von anderen Frauen, dem Chef, der Oma oder dem Kinderarzt. Wenn es einen Krieg gibt, dann würde er dieser Umfrage zufolge weniger unter den Müttern als gegen sie geführt. Zudem könnte man es auch normal finden, dass zu so etwas Alltäglichem wie dem Umgang mit dem Kind auch mal irgendwer etwas Kritisches sagt. Warum so martialisch?

Die Soziologin und Geschlechterforscherin Paula-Irene Villa von der Universität München beobachtet in vielen Debatten eine Tendenz zu kriegerischen Metaphern und einer künstlichen Frontenbildung. “Veganer werden dann pauschal zu Extremisten erklärt, Fahrradfahrer zu Kampfradlern”, sagt Villa. Diese Zuspitzung entspreche der medialen Aufmerksamkeitslogik: Starke Konfliktlinien und steile Thesen bringen mehr Leser, Zuschauer, Reaktionen als kleinteilige Ja,aber-Diskussionen.

Auseinandersetzungen unter Frauen sind daher wahlweise Zickenkriege oder Mommy Wars. Dabei wird dieser martialische Krieg konterkariert durch die Vorstellungen, auf denen er beruht: Die hysterische Zicke ist ebenso wie die Mutti keine ernst zu nehmende kämpferische Figur, beide dienen dazu, die Handelnden lächerlich zu machen. Man denke nur an Mutti Merkel. “Jeder normalen und vielleicht auch sinnvollen Meinungsverschiedenheit zwischen erwachsenen Frauen wird mit dieser Art der Zuspitzung die Legitimität entzogen”, sagt Villa. Dahinter stecken der Soziologin zufolge uralte Muster, die in Bezug auf Frauen auch heute noch auftauchten, zumindest unbewusst. “Zum einen werden sie oft infantilisiert”, sagt sie. Aus einer Diskussion wird ein Sandkastenstreit. Die Frau als unmündiges Wesen war bis ins 20. Jahrhundert sogar rechtlich verankert: Wollte sie ein Konto eröffnen oder gar arbeiten, musste ihr Ehemann zustimmen. Eng verbunden damit ist das Bild von Frauen als hormonell gesteuerten Wesen, die sich nicht im Griff haben. “Noch heute geht die Gesellschaft bei Männern eher davon aus, dass sie rational handeln, vernünftig argumentieren. Während Frauen animalisches und reflexhaftes Handeln unterstellt wird.”

Kämpfen Mütter nicht eher gegen sich selbst?

Hysterische Mütter, die wegen Nichtigkeiten aufeinander losgehen, passen da gut ins Bild. Die polemischen Zuspitzungen haben dann auch Auswirkungen auf die betroffenen Frauen. Villa bringt hier den viel diskutierten Begriff des Framing ins Spiel: Wenn Mütter immer hören, dass auf sie ein Krieg wartet, dann werden sie jede Bemerkung einer anderen Mütter auf die schlechtestmögliche Weise auslegen.

Kämpfen Mütter vielleicht gar nicht untereinander – sondern jede gegen sich selbst?

Auf einer Diskussionsveranstaltung in Berlin namens #coolmomsdontjudge (Coole Mütter urteilen nicht) wird das deutlich. Camilla Rando, Gründerin des Magazins Mommy Mag, erzählt beispielsweise, wie sie nach der Geburt darunter gelitten hat, dass sie ihr Kind per Kaiserschnitt zur Welt gebracht hat. Eine andere Mutter hatte das einmal kommentiert mit: “Na ja, wenigstens hattest du nicht diese krassen Geburtsschmerzen.” Ist das nun eine hinterhältige Stichelei? Schlichte Gedankenlosigkeit? Oder ein unsensibler, aber gut gemeinter Tröstungsversuch? Anderes Beispiel, gleiche Veranstaltung: Hebamme Maria Ehrenstraßer erzählte, wie sehr sie sich dafür schämte, ihrem Baby die Flasche zu geben, anstatt es zu stillen. “Als Hebamme sage ich Frauen, die nicht stillen können, immer, dass sie ihren Weg finden müssen und dass die Flasche ein guter Weg sein kann”, sagt sie. Aber als Mutter fühlte sie sich wie eine Versagerin und setzte sich deshalb zum Füttern ins Auto. Ihr Problem waren also weniger real existierende Mütter, die sie blöd anschauten – als die Erwartung schräger Blicke, gepaart mit unerfüllbaren Ansprüchen an sich selbst. Kämpfen Mütter also vielleicht gar nicht untereinander – sondern jede gegen sich selbst?

Die Unsicherheit jedenfalls, von der die Frauen in Berlin sprechen, kennen viele Mütter. Kein Wunder, sie müssen schließlich mit der Schwangerschaft in eine neue Rolle hineinfinden, auf die niemand so richtig vorbereitet ist. Der Körper versagt den gewohnten Dienst, die Hormone tanzen Rumba, gegen eine Geburt ist jeder Marathon ein Witz. Und danach geht es ja erst richtig los. Dieses neue Wesen auf seinem Weg vom Baby zum Kind, zum Menschen zu begleiten, ist eine derart wunderbare und andauernde Überforderung, dass einem schon mal wirr werden kann. Der Druck, den Mütter spüren, hat aber auch mit den widersprüchlichen gesellschaftlichen Erwartungen zu tun, denen sie ständig ausgesetzt sind. Sie sollen möglichst viel Zeit für ihre Kinder haben – und gleichzeitigberufstätig sein, fürs Alter vorsorgen, vielleicht sogar Karriere machen. Zu schaffen ist das alles nicht. Und dann gibt es andere Mütter, die es anders machen – womöglich besser?

Die Politik hilft in diesem Wirrwarr auch nicht, im Gegenteil. Zu den unerfüllbaren gesellschaftlichen Erwartungen kommen Maßnahmen, die erst das eine und kurz danach das Gegenteil davon fördern. Mal subventioniert der Staat mit dem Ehegattensplitting die Alleinverdienerehe, dann erwartet er nach der Trennung von Frauen, dass sie zügig wieder zurück ins Berufsleben finden – egal, wie lange sie vorher der Familie zuliebe pausiert haben. Was schon allein deswegen ein Witz ist, weil es trotz Rechtsanspruch nicht genügend Kitaplätze für alle gibt. Eigentlich genug gute Gründe für Mütter, tatsächlich in den Krieg zu ziehen.

Stattdessen aber suchen Frauen den Fehler bei sich. Geradezu mantraartig ist auf der Anti-Mutti-Krieg-Veranstaltung die Rede davon, dass jede “ihren eigenen Weg finden” muss. Sie soll dabei einfach entspannter werden – und bloß kein falsches Wort zu einer anderen sagen. Das hört sich erst einmal wahnsinnig sympathisch an. Sich selbst und anderen weniger Druck machen schadet ja nicht. Das Problem ist: Es bringt auch nichts. Wer länger darüber nachdenkt, der merkt, dass hier in einer freundlichen Verpackung eine alte Falle lauert. Denn wie eine Frau ihre Mutterrolle auf die Reihe kriegt, ist auch nach dieser Logik ihr persönliches Problem.

Wäre es stattdessen nicht besser, Forderungen zu stellen? Sich für Veränderungen einzusetzen? Was genau gefordert und verändert werden soll, ist dann natürlich die nächste Frage. Darüber sollen Mütter – und bitte endlich auch mehr Väter – ganz dringend streiten, anstatt sich einzureden, dass ein bisschen mehr Gelassenheit genügt, um ihre Probleme zu lösen. Denn nur wenn ihre Gedanken den privatesten Raum verlassen, kann sich in Politik und Gesellschaft etwas verändern. Diskussionen über Erziehungsstile und Vereinbarkeit sind keine lächerlichen Mutti-Kriege. Es sind wichtige Themen, die eine ernsthafte Auseinandersetzung verdienen. Am Ende kommt vielleicht dabei heraus, dass Eltern tatsächlich gute Gründe hätten, in den Krieg zu ziehen – gegen zu hohe Erwartungen und überholte Rollenbilder.

Erschienen in der Süddeutschen Zeitung am 18.8.2018.