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ProQuote und ich

ProQuote und ich

Heute habe ich einen Antrag auf Mitgliedschaft bei ProQuote ausgefüllt. Da anscheinend ohnehin meine halbe Leserschaft denkt, ich sei Mitglied, hab ich mir gedacht: Ist der Ruf erst ruiniert und so. Scherz beiseite. Warum ProQuote?

Wenn ich morgens die Süddeutsche Zeitung – meinen wichtigsten Auftraggeber – aufschlage, dann sehe ich im Impressum, wo alle Chefredakteure, Ressortleiter und sonst irgendwie wichtigen Menschen stehen: 30 Männer, fünf Frauen. Das ist mir zu wenig. Gut, immerhin ein paar mehr als 2012, dem Gründungsjahr von ProQuote. In anderen großen Medienhäusern sieht es ähnlich aus: früher ganz katastrophal, inzwischen ein bisschen weniger schlimm, in Online-Medien meistens besser als in Printmedien. Dass sich heute wenigstens alle bewusst sind, dass es hier ein Problem gibt, ist unter anderem ProQuote zu verdanken. “Pressure Group” nennen manche den Verein – aber ohne Druck geht’s halt auch nicht. Das versichern mir ältere Kolleginnen immer wieder ziemlich glaubhaft. “Wir haben früher auch gedacht: Wir sind jung, wir sind gut ausgebildet, wir sind selbstbewusst – was soll uns schon passieren?”, sagen sie. Und wenn ich mir dann anschaue, wie klug, selbstbewusst und toll sie heute immer noch sind, dann frage ich mich schon, warum nicht ein paar mehr davon als Chefin im Impressum stehen.

Eigentlich geht mir (wie den meisten anderen auch) die Debatte um die Führungspositionen gar nicht weit genug. Als Politikjournalistin wünsche ich mir zum Beispiel, dass Journalistinnen nicht mehr schräg angeschaut werden, wenn sie sich auf Themenfelder spezialisieren, die als typisch männlich gelten. Ich habe einfach keine Lust mehr auf Briefe und E-mails (zumeist älterer, immer männlicher) Leser, die mir sagen, ich solle doch lieber über Mode schreiben. Oder am besten gar nicht, sondern stattdessen Kinder kriegen und eine Familie gründen. Falls es überhaupt einen Mann gibt, der es mit einer vorlauten Besserwisserin wie mir überhaupt aushält – höhöhö. Mails wie diese kennen viele Politikjournalistinnen, vor allem junge, am schlimmsten, wenn sie auch noch blond sind. Ja, es gibt anscheinend noch Leute, von denen wir dachten, sie seien längst ausgestorben. Wir lachen über ihre Mails, drucken sie manchmal aus und hängen sie im Büro auf. Sind ja auch echt arme, gestrige Würstchen, die sowas schreiben.

Weniger leicht beiseite zu wischen sind da andere Formen der Diskriminierung, wie sie zum Beispiel meine Kollegin Annett Meiritz in ihrem Essay “Man liest ja so einiges über Sie” beschrieben hat: “Schön ist es nicht, wenn mich ein amtierender Bundesminister zur Begrüßung extrafest an die Taille packt. Oder wenn, wie es eine Volontärin erlebte, ein Spitzenpolitiker nach einem Arbeitsessen “Ich vermisse deine Nähe” simst. Es fühlt sich nicht gut an, wenn mir ein Europaparlamentarier im Vorbeigehen eine Visitenkarte in die Hand drückt, sein Gesicht nah heranschiebt und murmelt: “Sie können sich immer melden. Egal, worum es geht.”

All das macht klar: Auch wenn wir heute eine Bundeskanzlerin haben und eine junge Frauengeneration, die so gut ausgebildet ist wie nie zuvor, gibt es doch Bereiche im Journalismus, in denen sie immer noch als Ausnahme bestaunt und in vielerlei Hinsicht seltsam behandelt werden. Eine Ausnahme sind in vielen Redaktionen übrigens nicht nur Frauen, sondern zum Beispiel auch – wie das so schön heißt – “Menschen mit Migrationshintergrund”. Und was ist eigentlich mit den Männern, die sich nicht auf die Regeln der Old Boys’ Club, nach denen viele Medienhäuser immer noch funktionieren, einlassen? Die sind auch nicht gerade happy darüber, wie es so läuft.

Mir fehlen also nicht nur die Frauen in Führungspositionen, mir fehlt in den Redaktionen Vielfalt in jeglicher Hinsicht. Mit einer Quote allein kann man das Problem nicht lösen, ist schon klar. Aber irgendwo muss man ja anfangen. Und wenn Ressortleiterkonferenzen nicht mehr aussehen wie die Meetings eines durchschnittlichen Dax-Vorstands, dann ist das nicht der schlechteste Anfang.