Russlanddeutsche: die unsichtbaren Migranten

Russlanddeutsche: die unsichtbaren Migranten

Erst der Ukraine-Konflikt, dann der “Fall Lisa”: Deutsche Parteien fürchten, die Russlanddeutschen an die AfD zu verlieren. Zu Recht?

Diese Geschichte beginnt an einem Ort, der verknüpft ist mit den Bildern einer anderen, einer schlimmen Geschichte. Hier, vor dem Einkaufszentrum Eastgate im Berliner Stadtteil Marzahn, berichtete am 16. Januar 2016 eine Frau einer aufgebrachten Menge von einem 13-jährigen russlanddeutschen Mädchen, das von drei Flüchtlingen vergewaltigt worden sei. Etwa eineinhalb Jahre später läuft Dmitri Geidel, 27 Jahre, mit schnellen, großen Schritten raus aus dem Einkaufszentrum, über den Vorplatz, mitten hinein in den Stadtteil, wo er für die SPD um ein Direktmandat im Bundestag kämpft.

Der “Fall Lisa”, der in Marzahn seinen Anfang nahm, ist inzwischen aufgeklärt. Das russischstämmige Mädchen hatte die Vergewaltigung aus Angst vor den strengen Eltern erfunden. Trotzdem gehört diese Geschichte zur Geschichte von Dmitri Geidel. Weil sie ein Politikum wurde. Russische Medien hatten dem deutschen Staat Vertuschung vorgeworfen, mehrere Tausend Russlanddeutsche und rechte Politiker demonstrierten in deutschen Städten gegen die Flüchtlingspolitik von Kanzlerin Angela Merkel, sogar der russische Außenminister schaltete sich ein.

Die deutschen Parteien bekamen es ein wenig mit der Angst zu tun: Lassen sich die Russlanddeutschen von Rechten instrumentalisieren? In der AfD zum Beispiel gibt es ein Netzwerk, das sie direkt anspricht: “Russlanddeutsche und Aussiedler in der AfD”. Auch zum Klischeebild würde es passen. Demnach saßen die Leute, deren Vorfahren vor Jahrhunderten Deutschland verließen, während der Sowjetjahre irgendwo in Sibirien oder Kasachstan und sangen deutsche Volkslieder, um nach dem Zusammenbruch des Systems freudig in die alte Heimat aufzubrechen. Wo sie von der Realität überrascht wurden, von Gleichberechtigung, Toleranz, Verfassungspatriotismus.

Russlanddeutsche sind für die Politik schwer zu erreichen

 Stimmt das? Dmitri Geidel ist einer, der auf diese Frage Antworten geben kann – was ein Grund ist, warum ihn seine Partei in Marzahn, wo ungefähr 30 000Russlanddeutsche leben, aufgestellt hat. Geidel ist 1989 in Leningrad geboren, hat einen deutschen Vater und eine russische Mutter und kam als Baby nach Berlin. Seitdem wohnt er im Bezirk Marzahn-Hellersdorf. Viele Freunde seiner Eltern sind Russlanddeutsche oder andere Spätaussiedler aus den ehemaligen Sowjetstaaten. In ganz Deutschland leben insgesamt 4,5 Millionen Spätaussiedler, darunter etwa zwei Millionen Russlanddeutsche.

Das russlanddeutsche Klischee, so sagt er es, werde diesen Menschen nicht gerecht. “Es gibt ein sehr dominantes Vorurteil über den älteren Russlanddeutschen, der gegen Flüchtlinge und Schwule ist, nur russisches Fernsehen guckt und der deswegen AfD wählt”, sagt Geidel bei einem Spaziergang vom Eastgate vorbei am alten DDR-Freizeitforum bis hin zur russisch-orthodoxen Kirche. “Doch so ist nur ein kleiner Teil der Russlanddeutschen.”

Er sagt, was auch Studien bestätigen: Die älteren Russlanddeutschen neigen stark den Unionsparteien zu. In der jüngeren Generation ließe sich kein Unterschied zu den Deutschen ohne Migrationshintergrund mehr feststellen. Die AfD sei unter Russlanddeutschen vor allem in Gegenden stark, in denen die wirtschaftlichen Perspektiven schlecht sind – ganz ähnlich, wie das bei Menschen ohne Migrationshintergrund sei.

Also gibt es für die anderen Parteien gar kein Problem mit den Russlanddeutschen? Das nun auch wieder nicht, sonst würde Geidel wohl nicht seit Wochen in seinem Heimatbezirk an Türen klingeln, russische Vereine besuchen, lächeln, reden, zuhören, fragen.

Die unsichtbaren Migranten

“Es stimmt, dass die Russlanddeutschen für die deutsche Politik sehr schwer zu erreichen sind.” Sie engagierten sich kaum in Parteien und sie seien überproportional häufig Nichtwähler. Hier sieht auch die AfD ihr größtes Potenzial. Woran liegt das? “Dass die Russlanddeutschen ihre Interessen nicht offen vertreten, hat bei der älteren Generation noch etwas mit der Sozialisierung in der Sowjetunion zu tun. Damals hat man sich in Politik nicht eingemischt.” Er denkt auch, dass viele Russlanddeutsche nach ihrer Ankunft in Deutschland nicht auffallen wollten: “Sie wollten in der Gesellschaft unsichtbar werden.”

Schade, findet ein anderer Dimitrij, in einem anderen Stadtteil von Berlin. In einem Café im Prenzlauer Berg sitzt Dimitrij Schaad, 31 Jahre, russlanddeutscher Vater, russische Mutter, dunkle Haare, blaue Augen, Schauspieler am Berliner Maxim Gorki Theater. Er wurde 1985 in der Nähe von Almaty in Kasachstan geboren und kam mit acht Jahren mit seinen Eltern und seinem jüngeren Bruder nach Deutschland.

“Jedes Mal, wenn ich an einem Dönerladen vorbeilaufe und sehe, wie Türken dort sitzen und Tee trinken, bin ich neidisch”, sagt er. “Die Türken haben eines ihrer Gerichte zu einem deutschen Nationalgericht gemacht. Und sie haben Orte, an denen sie als Community zusammenkommen und sie jeder sehen kann.” Das Gegenteil von “unsichtbar” also – was ihnen, das gibt Schaad zu, schon phänotypisch schwerer fallen würde als den zumeist käseweißen Russlanddeutschen.

Als Schauspieler bedauert er vor allem eins: “Es ist sehr schade, dass es uns Russlanddeutschen nicht gelungen ist, erfolgreiche künstlerische Analysten unserer Erfahrungen hervorzubringen. Wie gerne hätte ich einen Film wie ‘Almanya – Willkommen in Deutschland’ aus unserer Sicht gesehen.” Fatih Akin oder Comedy-Programme, in denen Türken die eigene Community, aber auch die deutsche Gesellschaft verspotten und hinterfragen, kennt jeder: “Was guckst Du?”. Witze über Russlanddeutsche und ihr Verhältnis zu den Deutschen würde der durchschnittliche Fernsehzuschauer wohl nicht verstehen, weil er nicht genug über die Eigenheiten der Russlanddeutschen weiß, um sie lustig zu finden.

Dimitrij Schaad versucht das zu ändern. Zum Beispiel im von Yael Ronen inszenierten Stück “The Situation”. Dort spielt Schaad den deutschen Lehrer Stefan, der eine Gruppe Einwanderer aus dem Nahen Osten unterrichtet. Stefan, so stellt es sich im Laufe des Stücks heraus, kam eigentlich als “Sergej” zur Welt. In Kasachstan, so wie Dimitrij Schaad. Er hat einen Monolog für diesen Stefan-Sergej geschrieben. Er geht in etwa so:

Es war einmal in einem Land, das war “sicher nicht perfekt, aber ein stabiler und sehr guter Ort, um dort zu leben”: Dort also lebte eine Familie, die große Ähnlichkeit zur Familie Schaad hat. Mit einem Vater, der “ein leidenschaftlich bestechlicher, sozialistisch klauender Verwalter eines staatlichen Baumateriallagers” war. Die Familie lebte dort glücklich. Bis das nicht perfekte Land zerfiel – und das Chaos ausbrach, Kriminelle die Herrschaft über die Straße übernahmen, Menschen verschwanden und starben. Der Vater versuchte sich als Gangster, blieb manchmal tagelang verschwunden. Die Mutter bekam Angst und wollte weg.

Die Demütigungen der Migration

So ähnlich wie in seinem Stück war es auch in echt, sagt Schaad. Dass sich seine Eltern entschlossen, nach Deutschland auszuwandern, hatte nichts mit einer besonderen Verbundenheit zur deutschen Kultur zu tun. Weder sangen sie in Kasachstan deutsche Volkslieder noch betrachteten sie Deutschland als ihre eigentliche Heimat. “Mein Vater hat erst erfahren, dass er deutschstämmig ist, als er volljährig wurde und seinen Pass bekam”, sagt Schaad. Er habe nicht einmal die deutsche Sprache beherrscht.

“Als alles zusammenbrach, ging man eben dorthin, wo man hinkonnte”, sagt Schaad – und da sein Vater nun einmal das kleine Wörtchen “deutsch” im Pass stehen hatte, wurde es für sie Deutschland. “Es gab auch Leute, die die deutsche Kultur in der Sowjetunion sehr intensiv gelebt und dafür viel Diskriminierung erfahren haben.” Die hätten den Vorteil gehabt, dass sie die Sprache schon beherrschten. Aber der Schock, dass sie in Deutschland auf einmal “die Russen” waren, war bei ihnen viel größer als bei seinen Eltern.

Alle Russlanddeutschen waren die nächsten Jahre damit beschäftigt, ihren Platz in einem fremden Land zu finden. Und mit den Demütigungen, die eine Migration mit sich bringt, klarzukommen: die plötzliche Sprachlosigkeit, die Enge der Flüchtlingslager, die Angst vor den fremden Behörden, die schlechten Jobs. Für deutsche Politik hätten sich seine Eltern nie interessiert, sagt Schaad. Viele Themen, die die Deutschen beschäftigten, seien für sie weit weg gewesen. “Ein Mensch, der den Zusammenbruch eines ganzen Systems erlebt und alle seine Ersparnisse verloren hat – was geht den die deutsche Debatte über das Rentenniveau oder die Erbschaftssteuer an?”

Russische Nachrichten – und das Gefühl der Ungerechtigkeit

Privat hatten seine Eltern hauptsächlich mit Leuten zu tun, die wie sie aus der ehemaligen Sowjetunion kamen. “Sie gucken auch nur russische Nachrichten, niemals die Tagesschau. Obwohl Russland ja eigentlich sehr weit entfernt ist”, sagt Schaad. Vor jeder Wahl in Deutschland fragten sie die Söhne, wen sie wählen sollten.

So wie den Schaads ging es vielen Russlanddeutschen, sagt Dmitri Geidel. Bis zum Ukraine-Konflikt. “Die Krim-Krise war ein Thema, das niemand ignorieren konnte. Da trafen Weltsichten aufeinander, die nicht miteinander vereinbar waren.” Nämlich: ein großrussischer Territorialanspruch, der seine Wurzeln in der Sowjetunion hat. Und der Wille der EU, die nach dem Zusammenbruch des Sowjetimperiums entstandenen Nationalstaaten an Europa zu binden.

Die Russlanddeutschen brachte das in eine seltsame Lage. “Meine Eltern sind eigentlich sehr kritisch, was die russische Regierung angeht”, sagt Dimitrij Schaad. Dennoch hätten sie das Gefühl, Russland gegenüber “den Deutschen” verteidigen zu müssen. “Wir finden oft, dass der Westen Russland ungerecht behandelt, dass zum Beispiel Völkerrechtsverstöße aus Russland viel härter geahndet werden als aus den USA.” Auch die Rolle der Sowjetunion bei der Befreiung Europas von den Nationalsozialisten spiele in der deutschen Debatte eine zu geringe Rolle, sagt Schaad.

Gefühle wie diese spricht auch die AfD an. Sie kritisiert die Sanktionen gegen Russland, betont die enge Verbindung von Russland und Deutschland – zum Beispiel erst am vergangenen Wochenende auf einem “Russlandkongress”.

Aber auch in dieser Frage seien nicht alle Spätaussiedler gleich. “Einige Freunde meiner Eltern sind Russland gegenüber kritischer als jeder Deutsche”, sagt Schaad. Das habe viel damit zu tun, wie sie die Sowjetunion erlebt haben. “Diejenigen, die dort diskriminiert wurden, weil sie zum Beispiel Juden oder eben Deutsche waren, lassen an der ehemaligen Sowjetunion kein gutes Haar.”

Es bleibt also kompliziert. Auch zwischen den Generationen, sagt Dmitri Geidel. “In der Krim-Krise gab es einen massiven Konflikt zwischen jüngeren Russlanddeutschen, die sich eher Deutschland verbunden fühlen, und ihren Eltern und Großeltern.” Ein Konflikt übrigens, wie er in russlanddeutschen Familien bisher niemals aufgetreten ist. “Für die ältere Generation war es unheimlich schwer, dass die Kinder den Eltern auf einmal widersprechen.”

Und dann kam auch noch der “Fall Lisa” – in dem es eigentlich um die deutsche Flüchtlingspolitik ging. Was störte die Russlanddeutschen? SPD-Politiker Geidel ist es erst einmal wichtig zu betonen: Nicht alle. “Es haben auch Russlanddeutsche in Marzahn Turnhallen für Flüchtlinge hergerichtet.”

Dann eben: Was störte diejenigen, die die deutsche Flüchtlingspolitik falsch fanden? “Wenn man sie fragt, kommt erst einmal: Die haben eine andere Kultur, die passen nicht hierher.” Eine Haltung, die viele der älteren Generation noch aus der Sowjetunion mitgebracht hätten. “Das war zwar offiziell eine multikulturelle Gesellschaft, doch gegenüber bestimmten Gruppen gab es starke Vorurteile.” Muslime gehörten dazu ebenso wie Juden.

“Die Russen” hat niemand am Bahnhof begrüßt

Doch das allein sei es nicht. “Wenn das Gespräch eine Weile andauert, dann kommen ganz andere Themen”, sagt Geidel. Zum Beispiel der Familiennachzug. Er nennt ein Beispiel: Ein russlanddeutscher Mann kam mit seiner russischen Frau in den 90er Jahren nach Deutschland. Die russischen Eltern der Frau, damals noch berufstätig, blieben in Russland. Heute sind sie alt, vielleicht pflegebedürftig. Die Kinder möchten sie gern nach Deutschland holen. “Sie müssten nun nachweisen, dass sie selbst für die Eltern aufkommen können, dass sie den deutschen Staat nichts kosten”, sagt Geidel. Wenn das Ehepaar diesen Nachweis nicht erbringen kann, bleibt nur, nach Russland zurück zu gehen, um die Eltern zu pflegen.

Mit Problemen wie diesen müssten sich deutsche Parteien befassen, wenn sie die Russlanddeutschen erreichen wollen. “In der Flüchtlingskrise hatten dann viele den Eindruck, für Syrer sei es leichter, die Familie nachzuholen.” Die Folge: Neid, Unverständnis. Dass es auch für Syrer keinesfalls leicht ist, die Familie nach Deutschland zu holen, spielt da weniger eine Rolle. Eher das Gefühl: Eine andere, noch dazu muslimische Gruppe ist in Deutschland willkommener als wir.

Und irgendwie stimmt es ja auch. “Die Russen” hat in den 90er Jahren niemand mit Blumen und Kuscheltieren am Bahnhof empfangen, in den Medien tauchten sie überwiegend als finstere Schläger mit Alkoholproblem auf. “Deutschland sah sich damals noch nicht als Einwanderungsland, es war eine völlig andere Gesellschaft”, sagt Geidel.

Eltern und Kindern fehlte die gemeinsame Sprache

Eine andere Gesellschaft, in der “Integration” noch gleichbedeutend war mit “Assimilation”. “Ein Beamter hat meinen Eltern vorgeschlagen, mich Dieter statt Dimitrij zu nennen”, sagt Dimitrij Schaad, “es war üblich, unsere Namen einzudeutschen. Eltern wurde geraten, kein Russisch mehr mit oder vor den Kindern zu sprechen. Viele Eltern haben mit ihren Kindern nur noch Deutsch gesprochen, weil das damals als gute Integration galt.” Die Folge: Die Kinder hätten schnell gutes Deutsch, aber kein Russisch mehr gesprochen. Die Eltern wiederum taten sich mit der deutschen Sprache schwer. Und plötzlich hatten die Familien keine Sprache mehr, wenn es um die komplizierten Dinge des Lebens ging: Gefühle, Identität, Kultur, private Probleme, Politik.

Stumm war eine ganze Generation russlanddeutscher Einwanderer also nicht nur gegenüber der deutschen Gesellschaft – sondern sogar gegenüber den eigenen Kindern. “Das damalige Integrationsverständnis hatte schreckliche Auswirkungen”, sagt Dimitrij Schaad. Er selbst spricht mit seinen Eltern bis heute nur Russisch. Und ist ziemlich froh darüber, denn sonst würde es ihm vermutlich schwerer fallen, ihre Migrationsgeschichte künstlerisch zu verarbeiten.

Davon sind die Eltern übrigens gar nicht so begeistert. “Als mein Vater meinen Monolog in ‘The Situation’ das erste Mal auf der Bühne hörte, hat er danach den ganzen Abend nicht mit mir gesprochen”, sagt Schaad. Und das nicht nur, weil es um sensible Themen wie Korruption ging. “Er hatte das Gefühl, ich gebe ihn dem Gelächter eines deutschen Publikums preis.”

Es habe ein bisschen gedauert, bis er ihn überzeugen konnte: So ist es nicht. “Es geht ja um eine künstlerische Befragung unserer Lebenswirklichkeit. Nach dem Stück sind so viele Leute auf mich zugekommen: Genau so war das bei uns auch! Endlich sagt es mal jemand!” Das ist zwar noch kein Kinoerfolg wie “Almanya”, aber ein Anfang. Denn nach jeder russlanddeutschen Geschichte, die erzählt wird, sind die Russlanddeutschen hinterher ein bisschen weniger unsichtbar.

Erschienen auf Süddeutsche.de am 15. August 2017.